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AUF DEM UMSCHLAG: 

Wundervolle Hilfsmittel - darunter auch die Zeitschriften der 
Kirche - "helfen uns, an unseren Wert festzuhalten und dem 
Herrn gehorsam zu sein". Siehe „Eine Zeitschrift für die ganze 
Welt", Seite 32. (Fotos von Craig Dimond und Jerry Garns.) 

UMSCHLAGBILD KINDERSTERN: 

Der zehnjährige Arietana lebt in dem Land Kiribati auf einer 
Insel im Pazifik. Er geht gern zur PV und zur Schule, er fischt 
und beteiligt sich an den traditionellen Tänzen. Siehe 
„Arietana aus Kiribati", Seite 14. (Foto von Joyce Findlay.) 



MAGAZIN 

2 BOTSCHAFT VON DER ERSTEN PRÄSIDENTSCHAFT: GEIST UND SEELE NÄHREN 

PRÄSIDENT GORDON B. HINCKLEY 

1 2 DIE FAMILIE ELDER HENRY B. EYRING 

24 DIE FAMILIE - EINE PROKLAMATION AN DIE WELT 

DIE ERSTE PRÄSIDENTSCHAFT UND DER RAT DER ZWÖLF APOSTEL 

25 BESUCHSLEHRBOTSCHAFT: DIE CELESTIALE EHE 

26 „DU SOLLST NICHT STEHLEN" RICHARD D. DRAPER 

32 EINE ZEITSCHRIFT FÜR DIE GANZE WELT MARVIN K. GARDNER 

38 GEDANKEN DAZU, WIE DAS EVANGELIUM IN OSTEUROPA FUSS FASST 

ELDER DENNIS B. NEUENSCHWANDER 




SIEHE SEITE 12 




FÜR JUNGE LEUTE 

8 SASCHA STRACHOWA MARVIN K. GARDNER 
36 GOLDENE FRAGEN PAT MEYERS 

KINDERSTERN l 

2 VON FREUND ZU FREUND: SUSAN L. WARNER 
4 LIED: SCHÖNSTER HERR JESUS 

6 DAS MITEINANDER: ICH KANN JETZT EIN MISSIONAR SEIN 

SYDNEY REYNOLDS 

8 ERZÄHLUNG: DER GEHEIMNISVOLLE BALL ALMA J. YATES 

1 3 DAS MACHT SPASS: KRABBELSACK MIT GESCHICHTEN AUS 
DEM ALTEN TESTAMENT 

VIVIAN PAULSEN UND CORLISS CLAYTON 

1 4 FREUNDE IN ALLER WELT: ARIETANA AUS KIRIBATI JOYCE FINDLAY 



SIEHE KINDERSTERN, 
SEITE 14 





SIEHE SEITE 38 



Oktober 1998 124. Jahrgang Nummer 10 

DER STERN 98990 150 

Offizielle deutschsprachige Veröffentlichung der Kirche 

Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 

Die Erste Präsidentschaft: 

Gordon B. Hinckley, Thomas S. Monson, James E. Faust 

Das Kollegium der Zwölf: 

Boyd K. Packer, L. Tom Perry, David B. Haight, 

Neal A. Maxwell, Russell M. Nelson, Dahin H. Oaks, 

M. Russell Ballard, Joseph B. Wirthlin, Richard G. Scott, 

Robert D. Hcles, Jeffrey R. Holland, Henry B. Eyring 

Chefredakteur: Marlin K. Jensen 

Redaktionsleitung: Jay E. Jensen, John M. Madsen 

Abteilung Lehrplan: 

Geschäftsführender Direktor: Ronald L. Knighton 

Direktor Planung und Redaktion: Richard M. Romney 

Direktor Künstlerische Gestaltung: Allan R. Loyborg 

Redaktion: 

Geschäftsführender Redakteur: Marvin K. Gardner 

Assist. Geschäftsführender Redakteur: R. Val Johnson 

Co-Redakfeure: David Mitchell 

Redakfionsassistenf/n: Jenifer Greenwood 

Terminplanung: Beth Dayley 

Assistentin Veröffentlichungen: Konnie Shakespear 

Gestaltung: 

Manager Graphische Gestaltung: M. M. Kawasaki 

Direktor Künsterische Gestaltung: Scott Van Kampen 

Layout: Sharri Cook 

Designer: Tadd R. Peterson 

Manager Produktion: Jane Ann Peters 

Produktion: Reginald J. Christensen, Denise Kirby, 

Jason L. Mumford 

Digitale Prepress: Jeff Martin 

Abonnements: 

Direktor: Kay W. Briggs 

Manager Versand: Kris Christensen 

Manager: Joyce Hansen 

Verantwortlich für Übersetzung: 

Deutsches Übersetzungsbüro 

Max-Planck- Straße 23 A, D-61381 Friedrichsdorf 

Telefon: (06172) 736410 und 736411 

Vertrieb: 

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 

Industriestraße 21, D-61381 Friedrichsdorf 

Deutschland-Leserservice 

Telefon: (06172) 7103-23; Telefax: (06172) 7103-44 

Österreich und Schweiz-Leserservice 

Telefon: (06172) 7103-96; Telefax: (06172) 7103-80 

Jahresabonnement: 

DEM 21,00; ATS 147,00; CHF 21,00 

Bezahlung erfolgt an die Gemeinde bzw. den Zweig oder 

auf eines der folgenden Konten: 

D Commerzbank Frankfurt, 

Konto-Nr. 588645200, BLZ 500 400 00 

A Erste Österreichische Spar-Casse-Bank 

Konto-Nr. 004-52602 

CH Schweizerischer Bankverein, Birsfelden, 

Konto-Nr. 30-301,363.0 

Adressenänderung bitte einen Monat im voraus melden 

Beilagenhinweis: Dieser Ausgabe liegt der „KINDER- 
STERN April 1998" bei. 

Manuskripte und Anfragen: International Magazines, 
50 East North Temple, Floor 25, Salt Lake City, UT 
84150-3223, USA; or e-mail to CUR-Liahona- 
IMag@ldschurch.org 

Die Internationale Zeitschrift der Kirche, deutsch „DER 
STERN", erscheint monatlich auf chinesisch, dänisch, 
deutsch, englisch, finnisch, französisch, holländisch, italie- 
nisch, japanisch, koreanisch, norwegisch, portugiesisch, 
samoanisch, schwedisch, spanisch und tongaisch; zwei- 
monatlich wird sie auf indonesisch und thai veröffentlicht, 
vierteljährlich auf bulgarisch, cebuano, fidschi, gilberte- 
sisch, isländisch, polnisch, rumänisch, russisch, tagalog, 
tschechisch, ukrainisch, ungarisch und vietnamesisch. 
(New quarterly magazines may begin with one, two, or 
three issues a year.) 

© 1 998 by Intellectual Reserve, Inc. All rights reserved. 
Used by The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints 
by permission. Printed in the United States of America. 

For Readers in the United States and Canada: 

October 1998 vol. 124 no. 10. DER STERN (ISSN 1044- 
338X) is pubiished monthly by The Church of Jesus Christ 
of Latter-day Saints, 50 East North Temple, Salt Lake City, 
UT 841 50. USA subscription price is $1 0.00 per year; 
Canada, $14.00. Periodicals Postage Paid at Salt Lake 
City, Utah. Sixty days' notice required for change of 
address. Include address label from a recent issue; 
changes cannot be made unless both old and new 
address are included. Send USA and Canadian subscrip- 
tions and queries to Salt Lake Distribution Center, Church 
Magazines, PO Box 26368, Salt Lake City, UT 84126- 
0368. Subscription help line: 1-800-537-5971. Credit 
card Orders (Visa, MasterCard, American Express) may be 
taken by phone. 

POSTMASTER: Send address changes to Salt Lake 
Distribution Center, Church Magazines, PO Box 26368, 
Salt Lake City, UT 84126-0368. 



LESERBRIEFE 



„DIE FAMILIE - EINE PROKLAMATION AN 
DIE WELT" 

Im Sommer 1996 waren zwei Musiker 
aus einer russischen Volkstanzgruppe bei 
uns zu Gast. Ich hatte meinem Mann kurz 
zuvor ein Abonnement des Liahona 
(russisch) geschenkt, und eines Morgens 
blätterte einer unserer Gäste in der 
Ausgabe vom Juni 1996. Er zog seine Brille 
hervor und sah sich eine bestimmte Seite 
sehr gründlich an. Dann zeigte er sie 
unserem anderen russischen Gast. Ich 
erfuhr später, daß die Seite in der 
Zeitschrift, die sein Interesse so sehr 
geweckt hatte, die Proklamation zur 
Familie war, die die Erste Präsidentschaft 
und der Rat der Zwölf Apostel herausge- 
geben haben. 

Als unsere Gäste am Ende der Woche 
wieder abreisten, baten sie nur um ein 
einziges Souvenir - die Zeitschrift mit 
der Proklamation zur Familie. Wir haben 
sie ihnen gern geschenkt - hoffentlich 
zusammen mit guten Erfahrungen mit 
unserer Familie. 

Victoria Morris, 
Gemeinde Bountiful 41, 
Pfahl Bountiful Utah Heights 

Anmerkung der Herausgeber: „Die Familie - 
Eine Proklamation an die Welt" ist auf Seite 
24 dieser Ausgabe noch einmal abgedruckt. 

HILFE FÜR DIE MITGLIEDER, 
DIE MISSIONARE SEIN WOLLEN 

Ich lese gern den Seito no Michi (japa- 
nisch). Es steht soviel Gutes darin, und 
jede Ausgabe hilft mir. Ich kopiere häufig 
Seiten aus der Zeitschrift und schenke sie 
Freunden und Untersuchern. 

Kazuko Oikawa, 
Zweig Kitakami, 
Pfahl Morioka, Japan 




BEISPIELE AUS DEM LEBEN UNSERER 
PROPHETEN 

Der Liahona (spanisch) ist mir und 
meiner Familie ein Segen. Die Artikel, vor 
allem die Botschaft von der Ersten 
Präsidentschaft, festigen meinen Glauben. 
Der Liahona hat mir geholfen, ein Zeugnis 
davon zu bekommen, daß der Herr 
Propheten erweckt, die von ihm Zeugnis 
geben und seine Lehren an uns weiter- 
geben - so wie die Propheten in alter Zeit 
gelehrt und von ihm Zeugnis gegeben 
haben. Ihr Beispiel weckt in mir das 
Verlangen, nach den Lehren des Herrn zu 
leben. Wie viele andere Jugendliche in der 
Kirche bereite ich mich jetzt auf eine 
Vollzeitmission vor. 

Lehi Spencer Santiago Lastra, 
Gemeinde Los Jardines, 
Pfahl Huanuco Amarilis, Peru 

ARTIKEL, DIE ZU HERZEN GEHEN 

Die Artikel im Liahona (spanisch) gehen 
mir zu Herzen. Meine Lieblingsrubriken 
sind die Artikel für die Jugendlichen und die 
Leserbriefe. Ich übermittle Ihnen meinen 
Dank. Leisten Sie auch weiterhin so gute 
Arbeit. 

Dairo Cogollo de Avila, 

Zweig El Socorro, 

Distrikt Cartagena El Bosque, Kolumbien 



OKTOBER 
1 



19 9 8 



BOTSCHAFT VON DER ERSTEN PRÄSIDENTSCHAFT 



Geist und 
Seele nähren 

Präsident Gordon B. Hinckley 




mos prophezeite in alter Zeit: „Seht, es kommen Tage - 
Spruch Gottes, des Herrn - , da schicke ich den Hunger ins 
Land, nicht den Hunger nach Brot, nicht Durst nach 



Wasser, sondern nach einem Wort des Herrn. 

Dann wanken die Menschen von Meer zu Meer, sie ziehen von Norden 
nach Osten, um das Wort des Herrn zu suchen; doch sie finden es nicht." 
(Arnos 8:11,12.) 

Es herrscht ein Hunger im Land und ein aufrichtiger Geist - ein großer 

Hunger nach dem Wort des Herrn und ein ungestillter Durst nach den Dingen 

des Geistes. Ich bin davon überzeugt, daß die Welt nach geistiger Nahrung 

hungert. Wir haben die Verpflichtung und die Möglichkeit, die Seele zu nähren. 

BEMÜHEN SIE SICH DARUM, SICH VOM GEIST LEITEN ZU LASSEN 

Vor über hundert Jahren hat Präsident Brigham Young in einem Gebet um 
einen Segen für das Priestertum gefleht und „für alle, die in der Kirche, 
deinem Reich, Vollmacht haben, damit der Heilige Geist über sie ausgegossen 
werde und sie dazu befähige, alle ihre Aufgaben wahrzunehmen". 

Dieses Gebet sprach er am Rednerpult des Tabernakels. Es war das 
Anfangsgebet in der ersten Konferenz, die die Kirche dort jemals abhielt. 

OKTOBER 1998 




Ich verheiße Ihnen, 

ohne zu zögern: wenn 

Sie Ihre Familie im Geist 

der Worte in Lehre und 

Bündnisse 121 führen, die 

ja vom Herrn stammen, 
werden Sie Ursache haben, 

sich zu freuen, genauso 

wie diejenigen, für die Sie 

verantwortlich sind. 



I 



Das war am 6. Oktober 1867. Über 130 Jahre später 
ist seine flehentliche Bitte an den Herrn noch genauso 
angebracht wie damals, als sie ausgesprochen wurde. 

Wir brauchen den Heiligen Geist in unseren leitenden 
Aufgaben. Wir brauchen ihn, wenn wir in unseren Klassen 
und in der Welt das Evangelium lehren. Wir brauchen ihn, 
um unsere Familie anzuleiten und zu unterweisen. 

Wenn wir unter dem Einfluß dieses Geistes anleiten 
und belehren, bringen wir eine geistige Gesinnung ins 
Leben derer, für die wir verantwort- 
lich sind. 

DIE KIRCHE IST WELTWEIT VERTRETEN 

Die Kirche wächst gewaltig, und 
es wird uns immer mehr bewußt, wie 
umfangreich die Angelegenheiten 
des Reiches des Herrn sind. Wir 
haben ein umfassendes Programm für 
die Unterweisung der Familie. Wir 
haben Organisationen für die Kinder, 
die Jugendlichen, für die Mütter und 
die Väter. Wir haben ein riesiges 
Missionssystem, einen gewaltigen 
Wohlfahrtsplan und wahrscheinlich 
das umfassendste genealogische 
Programm in der ganzen Welt. Wir 
müssen Gotteshäuser bauen - zu Hunderten und 
Tausenden. Wir müssen Schulen, Seminare, Institute 
betreiben. Was wir tun, wirkt sich auf die ganze Welt aus. 
All das ist Aufgabe der Kirche. Aber sie ist mehr als eine 
Organisation mit inspirierten Unternehmungen. Sie ist 
mehr als eine soziale Körperschaft. All dies ist nur Mittel 
dazu, den wahren Zweck der Kirche zu erfüllen. 

Dieser Zweck besteht darin, daß wir dem Vater im 
Himmel helfen, sein Werk und seine Herrlichkeit 
zustande zu bringen, nämlich die Unsterblichkeit und 
das ewige Leben des Menschen (siehe Mose 1:39). 

Die Kräfte, gegen die wir im Einsatz sind, sind 
gewaltig. Wir brauchen mehr als unsere eigene Kraft, um 
damit fertig zu werden. 

Ich richte eine inständige Bitte an jedes 
Familienoberhaupt, an alle, die ein Führungsamt 
innehaben, an unsere vielen, vielen Lehrer und 
Missionare: Nähren sie bei allem, was Sie tun, den Geist 
und die Seele. „Der Buchstabe tötet, der Geist aber 
macht lebendig." (2 Korinther 3:6.) 




ch richte eine flehentliche Bitte an 
jedes Familienoberhaupt, an alle, 
die ein Führungsamt innehaben, an 
unsere vielen, vielen Lehrer und 
Missionare: Nähren sie bei allem, 
was Sie tun, den Geist und die Seele 



Diejenigen, die verwalten, die Führer der Kirche in 
unseren Tausenden von Pfählen, Missionen, Distrikten, 
Gemeinden und Zweigen, diejenigen, die die vielen 
verschiedenen Versammlungen gestalten und leiten - und 
da schließe ich mich selbst mit ein - bitte ich flehentlich: 
bemühen wir uns unablässig um Inspiration vom Herrn 
und darum, daß sein Heiliger Geist mit uns sein möge, 
damit er uns in dem Bemühen, auf einer hohen geistigen 
Ebene zu bleiben, segne. Solche Gebete bleiben nicht 

ungehört, denn durch Offenbarung 
ist uns diese Verheißung gegeben 
worden: „Gott wird euch durch 
seinen Heiligen Geist, ja, durch die 
unaussprechliche Gabe des Heiligen 
Geistes, Erkenntnis geben, die von 
Anfang der Welt bis heute nicht 
offenbart worden ist." (LuB 121:26.) 
Dazu, wie wir unsere Versamm- 
lungen leiten sollen, hat der Herr 
gesagt, daß diejenigen, die die 
Versammlung leiten, das so tun 
sollen, „wie sie vom Heiligen Geist 
geführt werden, gemäß den Geboten 
und Offenbarungen Gottes" (LuB 
20:45) . Und, so „ist es den Ältesten 
meiner Kirche von Anfang an immer 
gegeben gewesen - und es wird immer so sein - , daß sie 
alle Versammlungen so leiten, wie sie vom Heiligen Geist 
angewiesen und geführt werden" (LuB 46:2). 

Sinnen wir doch außer über diesen Grundsatz noch 
über eine weitere Aussage nach, die vor langer Zeit 
gemacht wurde. Moroni schrieb bezüglich der neuen 
Mitglieder, die zur Kirche gekommen waren: „Und 
nachdem sie für die Taufe angenommen worden waren 
und nachdem durch die Macht des Heiligen Geistes auf 
sie eingewirkt worden war und sie gesäubert worden 
waren, wurden sie dem Volk der Kirche Christi zuge- 
zählt; und ihr Name wurde aufgenommen, damit ihrer 
gedacht würde und sie durch das gute Wort Gottes 
genährt würden, um sie auf dem rechten Weg zu halten, 
um sie beständig wachsam zu halten im Beten." 
(Moroni 6:4.) 

Brüder und Schwestern, leiten wir doch alle unsere 
Versammlungen so, daß wir immer darauf bedacht sind, 
die Herde Gottes mit dem Brot zu nähren, das nicht 
verdirbt. 



DER 



STERN 

4 



LEHREN SIE MIT DEM GEIST 

Allen Eltern, allen, die das Evangelium lehren, auch 
den Missionaren, einem jeden von Ihnen möchte ich 
eine Frage stellen, die der Herr selbst gestellt hat: 
„Darum stelle ich, der Herr, euch diese Frage: Wozu seid 
ihr ordiniert worden?" 

Er gibt selbst die Antwort: „Daß ihr das Evangelium 
durch den Geist predigt." 

Und dann spricht der Herr über das Bemerkenswerte, 
das geschieht, wenn wir durch den Geist predigen: 
„Darum können der, der predigt, 
und der, der empfängt, einander 
verstehen, und sie werden beide 
erbaut und freuen sich miteinander." 
(LuB 50:13,14,22.) 

Ist das nicht das Ziel all unserer 
Anstrengungen, daß sowohl wir, die 
wir lehren, als auch diejenigen, 
die unterwiesen werden, einander 
verstehen und beide erbaut werden 
und sich miteinander freuen? 




GESCHICHTE VON EINEM 
MILITÄRGEISTLICHEN 

Ich denke in diesem Zusammen- 
hang an einen unserer Militärgeistli- 
chen, einen Mann mit großem Glauben, voller 
Engagement und Mut. Er war über ein Jahr im zentralen 
Hochland von Vietnam, als dort vor rund 30 Jahren der 
Krieg tobte. Er befand sich dort, wo erbittert gekämpft 
wurde und die Verluste tragisch waren - wie an so vielen 
Orten in Vietnam. Er wurde zweimal verwundet. Er sah 
mit an, wie entsetzlich viele aus seiner Brigade verwundet 
wurden oder in der Schlacht fielen. Die Männer in seiner 
Einheit liebten und achteten ihn. Seine vorgesetzten 
Offiziere ehrten ihn. 

Er war nicht immer Mitglied dieser Kirche gewesen. 
Er war in den Südstaaten der USA in einer religiösen 
Familie aufgewachsen, wo man in der Bibel las und wo 
die Familie regelmäßig in die kleine Kirche am Ort ging. 
Er wünschte sich die Gabe des Heiligen Geistes, da er in 
der Bibel davon gelesen hatte, aber man sagte ihm, es 
gebe sie nicht. Das Verlangen danach verließ ihn nie. Er 
wuchs heran und diente in der US -Armee. Er suchte 
nach dem, was er sich am meisten wünschte, fand es aber 
nie. Zwischendurch war er Gefängniswärter. Während er 



Ist das nicht das Ziel all unserer 
Anstrengungen, daß sowohl wir, 
die wir lehren, als auch diejenigen, 
die unterwiesen werden, einander 
verstehen und beide erbaut werden 
und sich miteinander freuen? 



in Kalifornien im Wachturm des Gefängnisses saß, sann 
er über seine Schwächen nach und betete zum Herrn, er 
möge den Heiligen Geist empfangen und den Hunger 
stillen, den er in der Seele spürte. Die Predigten, die er 
gehört hatte, hatten diesen Hunger nicht zu stillen 
vermocht. 

Eines Tages klopften zwei junge Männer an seine Tür. 
Seine Frau bat sie, wiederzukommen, wenn ihr Mann zu 
Hause war. Die beiden jungen Männer unterwiesen die 
Familie durch den Heiligen Geist. Nach zweieinhalb 

Wochen ließ die Familie sich taufen. 
Ich habe gehört, wie dieser Mann 
davon Zeugnis gab, wie es war, durch 
die Macht des Heiligen Geistes 
unterwiesen zu werden, daß er erbaut 
wurde und sich mit denen freute, die 
ihn unterwiesen. Aber diese wunder- 
volle Erfahrung mit dem Heiligen 
Geist war erst der Anfang. Es 
ergossen sich Licht und Wahrheit 
über ihn, und den Sterbenden wurde 
Frieden geschenkt, die Trauernden 
wurden getröstet, die Verwundeten 
wurden gesegnet, die Ängstlichen 
faßten Mut, die Spötter fanden zum 
Glauben. Die Frucht der Unterweisung 
mit der Inspiration des Heiligen Geistes ist süß. Geist 
und Seele werden dabei genährt. 

DER HEILIGE GEIST FÜR ELTERN 

Ich möchte den Eltern, die ja Oberhaupt ihrer Familie 
sind, einen besonderen Rat geben: Wir brauchen für 
unsere heikle und gewaltige Aufgabe, die geistige 
Gesinnung in unserer Familie stark zu machen, die 
Weisung des Heiligen Geistes. 

Es gibt in der ganzen Welt zahllose entsetzliche 
Tragödien, die daher rühren, daß in den Familien Streit 
herrscht. 

Vor vielen Jahren klingelte einmal das Telefon in 
meinem Büro. Der junge Mann am anderen Ende der 
Leitung erklärte mir ungestüm, er müsse mich unbedingt 
sehen. Ich erklärte ihm, ich hätte den ganzen Tag noch 
einen Termin nach dem anderen. Ich fragte ihn, ob er 
nicht am nächsten Tag kommen könne. Er erwiderte, er 
müsse mich sofort sehen. Ich sagte ihm, er solle kommen, 
und bat meine Sekretärin, alle übrigen Termine zu 



DER 



STERN 
6 



ändern. Nach wenigen Minuten kam er herein, er sah 
gehetzt und verwirrt aus. Seine Haare waren lang, und er 
sah sehr elendaus. Ich bat ihn, sich zu setzen und ganz 
offen zu sprechen. Ich versicherte ihm, ich sei an seinem 
Problem interessiert und wolle ihm helfen. 

Er begann, mir eine herzzerreißende Geschichte zu 
erzählen. Er steckte in ernsten Schwierigkeiten. Er hatte 
das Gesetz übertreten, er war unrein gewesen, sein Leben 
war völlig durcheinander. Jetzt, in seiner äußersten Not, 
war ihm bewußt geworden, in welch entsetzlicher Lage er 
steckte. Er brauchte Hilfe, weil er allein nicht weiter 
wußte, und er flehte mich an, ihm zu helfen. Ich fragte 
ihn, ob sein Vater von seinen Schwierigkeiten wisse. 
Darauf erwiderte er, mit seinem Vater könne er nicht 
reden, sein Vater hasse ihn. 

Zufällig kannte ich seinen Vater, und ich wußte, daß 
sein Vater ihn nicht haßte. Er liebte ihn und war seinet- 
wegen zutiefst bekümmert, aber der Vater hatte seinen 
Jähzorn nicht im Griff. Immer wenn er seine Kinder 
bestrafte, verlor er die Beherrschung und ruinierte damit 
seine Kinder und sich selbst. 

Ich blickte den zitternden, gebrochenen jungen 
Mann, der seinen Vater als seinen Feind betrachtete, 
über den Schreibtisch hinweg an. Ich dachte an die erha- 
benen Worte offenbarter Weisheit, die durch den 
Propheten Joseph Smith gegeben wurden. Sie geben den 
Wesenskern dessen wieder, von welchem Geist das 
Priestertum sich leiten lassen soll, und ich glaube, sie 
gelten auch dafür, wie wir unsere Familie führen sollen. 

IN „UNGEHEUCHELTER LIEBE" STECKT MACHT 

Es „kann und soll keine Macht und kein Einfluß 
anders geltend gemacht werden als nur mit überzeu- 
gender Rede, mit Langmut, mit Milde und Sanftmut und 
mit ungeheuchelter Liebe, 

mit Wohlwollen und mit reiner Erkenntnis, wodurch 
sich die Seele sehr erweitert - ohne Heuchelei und ohne 
Falschheit." (LuB 121:41,42.) 

Ich glaube, diese wundervollen und schlichten Worte 
legen dar, von welchem Geist wir Eltern uns leiten lassen 
sollen. Bedenken sie, daß wir angemessen, aber 
einfühlsam strafen sollen, daß wir weise tadeln sollen. 
Bedenken Sie, wie die Schriftstelle weitergeht: 

„Alsbald mit aller Deutlichkeit zurechtweisend 
[Wann? Wenn man zornig ist und die Beherrschung 
verlieren könnte? Nein.], wenn dich der Heilige Geist 



dazu bewegt [ist der Heilige Geist zugegen, wenn man im 
Streit zurechtweist? Nein.], wirst du danach aber demje- 
nigen, den du zurechtgewiesen hast, vermehrte Liebe 
erweisen, damit er nicht meint, du seiest sein Feind, 

damit er weiß, daß deine Treue stärker ist als die 
Fesseln des Todes." (LuB 121:43,44.) 

DER HEILIGE GEIST, DER SCHLÜSSEL DAZU, WIE WIR 
UNSERE FAMILIE FÜHREN SOLLEN 

Dies, meine Brüder und Schwestern, die Sie das 
Oberhaupt Ihrer Familie sind, ist der Schlüssel dazu, wie 
Sie, vom Heiligen Geist geleitet, Ihre Familie fuhren sollen. 
Ich lege diese Worte jedem Vater und jeder Mutter ans 
Herz und verheiße Ihnen, ohne zu zögern: wenn Sie Ihre 
Familie im Geist dieser Worte führen, die ja vom Herrn 
stammen, werden Sie Ursache haben, sich zu freuen, 
genauso wie diejenigen, für die Sie verantwortlich sind. 

Diese inspirierten Worte sind der geistige Lebensnerv 
des Evangeliums; sie werden zum Rückgrat unseres 
Glaubens. Möge Gott uns helfen, uns bei allem, was wir 
in der Kirche und in unserer Familie tun, daran auszu- 
richten. 

Ich kehre noch einmal zu dem Gebet zurück, das 
Präsident Young vor über hundert Jahren gesprochen hat: 
Unser ewiger Vater, wir bitten dich um deinen Segen für 
„das Priestertum [und] für alle, die in der Kirche, deinem 
Reich, Vollmacht haben, damit der Heilige Geist über sie 
ausgegossen werde und sie dazu befähige, alle ihre 
Aufgaben wahrzunehmen" - in der Familie, in ihren 
Berufungen, im Beruf, in der Nachbarschaft und bei allem, 
was sie tun, und im Umgang mit allen Menschen. D 

FÜR DIE HEIMLEHRER 

1. Die Welt hungert nach geistiger Nahrung. 

2. Wir brauchen den Heiligen Geist, um unsere 
Familie anzuleiten und zu unterweisen. Wir brauchen 
ihn in unseren leitenden Aufgaben in der Kirche. Wir 
brauchen ihn, wenn wir in unseren Klassen und in der 
Welt das Evangelium lehren. 

3. Wir brauchen den Geist, damit alle Beteiligten 
einander erbauen und sich miteinander freuen (siehe 
LuB 50:22). 

4. Unsere rechtschaffenen Gebete darum, der Heilige 
Geist möge unser Begleiter sein, werden nicht ungehört 
bleiben. 



OKTOBER 

7 



19 9 8 



EINE JUNGE RUSSIN ENTDECKT EIN NEUES LEBEN - UND NIMMT ES AN, 

Sascha Strachowa 




Als Sascha Strachowa 13 Jahre 
alt war, spürte sie in sich das 
Verlangen, Gott zu erkennen. 
Monatelang betete sie: „Himmlischer 
Vater, ich möchte dich besser 
kennenlernen." 

Der Herr erhörte ihr Beten. Eines 
Tages wurden zwei Missionare einge- 
laden, zu den Schülern in ihrer Klasse 
an einer Schule in St. Petersburg zu 
sprechen. Etwas, das sie sagten, über- 
raschte sie und weckte ihre 
Aufmerksamkeit: „Menschen sind, 
damit sie Freude haben können." (2 
Nephi 2:25.) Welch ungewöhnlicher 
Gedanke! „Aber ich glaubte ihnen", 
sagt Sascha. „Ich hatte das Gefühl, 
daß sie wußten, wie wir Freude haben 
können." 

Voller Begeisterung lief sie nach 
Hause, um ihrer Mutter von ihrer 
Entdeckung zu berichten. Aber ihre 
Mutter, die erst vor kurzem 
geschieden worden war und sich vom 
Leben überwältigt fühlte, wollte von 
ihrer Begeisterung nichts wissen. 
Sascha flehte sie an, ihr zu erlauben, 
die Sonntagsversammlungen im 
Zweig der Kirche zu besuchen, 
obwohl es dorthin ein weiter Weg 



Marvin K. Gardner 

war. „Mama sagte: ,Warum mußt du 
so weit fahren?' Aber ich habe 
gesagt: ,Mama, ich werde in diese 
Kirche gehen.'" 

Am nächsten Sonntag fuhr 
Sascha allein mit dem Bus und der 
U-Bahn zur Kirche. „Ich habe die 
Liebe dort gespürt", sagt sie. „Ich 
habe das Leben in den Menschen 
gespürt. Ich habe ja erst angefangen, 
Gott kennenzulernen, und ich wollte 
so gern fühlen, was sie fühlten." 

Bald fragte sie ihre Mutter, ob die 
Missionare zu ihnen nach Hause 
kommen konnten. „Meine Mutter 
sagte: ,Nein, wir brauchen keine 
Missionare.' Aber ich sagte ihr: 
,Mama, ich werde jeden Tag den 
Fußboden wischen. Bitte laß sie 
kommen.'" Nachdem Sascha einen 
Monat lang den Fußboden gewischt 
hatte, überredete sie ihre Mutter, die 
Missionare doch kommen zu lassen. 
Als sie kamen, stellten sie zu ihrer 
Überraschung fest, daß die Wohnung 
voller Dreizehnjähriger war. Sascha 
hatte ihre gesamte Schulklasse einge- 
laden! Drei Monate später ließen sie 
und zwei ihrer Freundinnen sich 
taufen. 

DER STERN 

8 



„SIE WOLLEN ETWAS ÜBER GOTT 
ERFAHREN!" 

Sascha wollte so gern, daß auch 
ihre Mutter an den Segnungen des 
Evangeliums teilhatte. „Ich habe für 
sie gefastet und gebetet", sagt sie. 
„Jeden Abend habe ich ihr einen 
Zettel aufs Bett gelegt. Ich habe 
geschrieben: ,Liebe Mama, Gott liebt 
dich so sehr. Bitte bete zu ihm. Er 
wird dich heute sicher segnen.'" 
Sascha hält mit ihrer Mutter den 
Familienabend und hofft noch 
immer, daß sie sich einmal taufen 
lassen wird. 

Als Sascha 14 war, sah sie 
eines Tages einen Handzettel einer 
protestantischen Kirche, auf dem 
die Menschen, die mehr über 
Gott erfahren wollten, zu einer 

Sascha findet in St. Petersburg, 
einer Stadt, die reich ist an Kultur, 
Freude und Lebenssinn. Oben 
links: Der Triumphbogen am 
Palastplatz. Oben rechts: Die 
Auferstehungskirche. 
Gegenüberliegende Seite: An einer 
Brücke über einen der vielen 
Kanäle in der Stadt. 














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I ß/i 




Sascha und eine Freundin, links, leiten auf einer Jugendtagung einen Workshop. Als Zweig-FHV-Leiterin, rechfs, 
besucht Sascha gern die Schwestern und ihre Familie. 



Versammlung eingeladen wurden. 
Sascha dachte sich: „Sie wollen etwas 
über Gott erfahren!" Sie meinte, das 
wäre eine wundervolle Gelegenheit, 
ernsthaften Wahrheitssuchern etwas 
vom Evangelium zu erzählen, und 
ging ganz allein zu der Versammlung. 
In der Versammlung stellte sie sich 
mutig vor den Raum voller Menschen 
und gab Zeugnis vom Erretter und 
von der Wiederherstellung. „Ich habe 
ihnen erklärt, daß ich von ganzem 
Herzen weiß, daß das wahr ist", sagt 
sie. „Und ich habe sie alle zur Kirche 
eingeladen." Seit jenem Tag im Jahre 
1992 hat Sascha mitgeholfen, 
mehrere Freunde zur Kirche zu 
bringen. 

VERLOCKUNGEN DER WELT 

Es gab in Saschas Leben allerdings 
auch eine Zeit, wo die Verlockungen 
der Welt sie fast überwältigten. Sie 
tanzt für ihr Leben gern und hat seit 
ihrer frühen Kindheit darauf hingear- 
beitet, eine professionelle Tänzerin zu 
werden. Mehrere Monate nach ihrer 
Taufe wurde sie Mitglied einer profes- 
sionellen Modern- Dance -Gruppe in 
St. Petersburg. Die meisten übrigen 
Tänzer in der Gruppe waren 
Erwachsene. Niemand von ihnen war 
Mitglied der Kirche, und keiner lebte 
nach den Grundsätzen der Kirche. 



Als Sascha 15 war, begann die 
Tanzgruppe, sich auf eine Tournee in 
die Schweiz vorzubereiten. Das war 
die Chance ihres Lebens. „Ich habe 
jeden Tag ungefähr acht Stunden 
getanzt", sagt sie. „Ich habe mich von 
ganzem Herzen auf die Reise vorbe- 
reitet." Nach ein paar Monaten, in 
denen sie sich nur auf das Tanzen 
konzentriert hatte, hatte sie sich 
gefährlich weit von ihrer Mutter, 
ihren schulischen Aufgaben und der 
Kirche entfernt. 

Zum Glück hatte sie noch Anja, 
eine Freundin aus der Kirche. Eines 
Tages sagte Anjas Mutter, die auch 
Mitglied der Kirche ist: „Sascha, hör 
auf! Meinst du, du kannst in einer 
solchen Umgebung rein bleiben? 
Diese Menschen halten sich nicht 
an das Wort der Weisheit und auch 
nicht an das Gesetz der Keuschheit. 
Meinst du, der Heilige Geist kann 
mit dir bleiben?" 

„Diese Worte sind mir ins Herz 
gedrungen", sagt sie. „Mir wurde 
plötzlich klar, daß ich von geistiger 
Finsternis umgeben war, und ich 
bekam Angst. Anja und ich fielen 
auf die Knie und fingen an zu beten. 
Nachdem wir gebetet hatten, schien 
um uns herum ein Licht zu leuchten. 
Ich wußte, daß ich die Tanzgruppe 
verlassen mußte." 



Aber wie konnte sie tatsächlich 
aufhören? Wie konnte sie die 
anderen Tänzer enttäuschen? Sascha 
bat um einen Priestertumssegen. 
Dann nahm sie Anja mit, um der 
Leiterin der Tanzgruppe die 
Nachricht zu übermitteln. „Als wir in 
die Halle kamen, sah ich, wie meine 
Leiterin dort saß und rauchte. Sie 
sagte, ich sollte mich beeilen und 
mich für die Probe umziehen", 
erzählt Sascha. „Ich erklärte ihr, ich 
würde nicht mehr dort arbeiten - 
aber sie hörte mir gar nicht zu. ,Wie 
kannst du so etwas wagen?' fragte sie. 
,Warum verrätst du uns?' Sie hielt 
mich fest und brachte mich zu der 
Gruppe. Ich versuchte mit ihr zu 
reden, aber ich hatte keine Kraft 
mehr; ich konnte nichts sagen." 

Zum Glück war Anja noch bei ihr 
- sie sagte nichts, aber im stillen 
betete sie für ihre Freundin. „Plötzlich 
hatte ich das Gefühl, daß ich die Kraft 
hatte, zu der Gruppe zu sprechen", 
sagt Sascha. Sie erklärte, warum sie 
aufhören wollte. „Es war schwierig, 
weil es ja meine Freunde waren." 

Als der Leiterin klar wurde, daß 
Sascha ihre Meinung nicht änderte, 
suchte sie sich eine Ersatztänzerin 
und bat Sascha, ihr alles beizu- 
bringen. „Ich fing an zu tanzen", sagt 
Sascha, „und dabei habe ich geweint, 



DER 



STERN 
10 



weil ich wußte, daß ich diese Tänze 
zum letzten Mal tanzte." 

Als sie nach Hause kam, war sie 
erschöpft. „Aber ich wußte, daß ich 
gewonnen hatte! Ich betete an dem 
Abend und an jedem Abend, der 
seitdem vergangen ist. Mir war klar, 
daß wir für den Herrn manchmal 
das opfern müssen, was wir am 
meisten lieben. Eigentlich begann 
in dem Augenblick mein neues 
Leben." 

Sascha versöhnte sich mit ihrer 
Mutter, machte den Oberschulab- 
schluß und suchte sich eine neue 
Möglichkeit zu tanzen. Sie hat vor 
kurzem an einer Fachschule für 
Kultur und Kunst in St. Petersburg 
eine Tanzausbildung absolviert. 
Noch wichtiger ist ihr aber, daß sie 
ihr Herz wieder ganz auf den Herrn 
ausgerichtet hat. 

„ICH WUSSTE, DASS WIR EINE 
FAMILIE SEIN MUSSTEN" 

Mit 16 Jahren wurde Sascha als 
Erste Ratgeberin in der Zweig- JD- 
Leitung berufen. Ihre Freundin Anja 
war die Leiterin. Die beiden waren 
die einzigen aktiven JD in ihrem 
Zweig. Eines Tages sagte einer der 
Führer zu ihnen: „Ihr habt viele 
Jungen Damen in eurem Zweig, aber 
nur ihr beiden kommt. Gott hat 
euch zur Arbeit berufen!" 

Also machten Sascha und Anja 
sich an die Arbeit. Innerhalb eines 
Monats waren fast 15 Mädchen in 
dem Zweig aktiv. Ein paar Monate 
später wurde Sascha als Zweig-JD- 
Leiterin berufen. Und mit 17 wurde 
sie Erste Ratgeberin in der Distrikts- 
JD-Leitung. „Wie ich waren viele 
dieser Mädchen das einzige Mitglied 
der Kirche in ihrer Familie, und ich 
wußte, daß wir alle eine Familie sein 
mußten. Ich wünschte mir, daß wir 
alle wahre Freundinnen sein 



konnten. Dann konnten wir alle dem 
Herrn treu sein." 

Die Mädchen kamen im Lauf der 
Woche oft zusammen, um zusammen 
zu sein, Aktivitäten durchzuführen 
und zu dienen. Sie wechselten sich 
mit dem Unterricht ab. Sie nahmen 
in ihrem Zweig am Seminar teil. Sie 
gingen spazieren und unternahmen 
einiges gemeinsam. „Die meisten 
dieser Mädchen sind immer noch in 
der Kirche aktiv", sagt Sascha. „Sie 
haben ein starkes Zeugnis und dienen 
jetzt selbst in einer Berufung. Wir sind 
immer noch gute Freundinnen." 

„ES WIRD SO LEICHT SEIN" 

Mit 18 wurde Sascha als Zweig- 
FHV-Leiterin berufen. „Zuerst dachte 
ich: ,Ich habe reichlich Energie. Ich 
kann alles allein schaffen, es wird so 
leicht sein.' Aber dann wurde mir 
klar, daß wir in unserem Zweig über 
90 Schwestern hatten - wobei die 
meisten älter waren als ich - und daß 
ich gar nicht alles allein schaffen 
konnte!" 

Sie demütigte sich und bat den 
Herrn um Hilfe. Ihr Zweigpräsident 
ermutigte sie, die Schwestern in 
Freundschaft zu einen. „Wir hatten 
das Gefühl, daß das Besuchslehren 
unsere wichtigste Arbeit war." 

DER GEIST DER WEIHNACHT 

Jahrzehntelang war das Weih- 
nachtsfest in Rußland nicht mehr 
gefeiert worden. Aber nach vielem 
Beten hatte Sascha das Gefühl, 
es sei wichtig, an diesem Tag die 
Geburt des Erretters zu feiern. 
„Ich wollte, daß jede Schwester den 
Geist der Weihnacht spürte", sagt 
sie. In der Arbeitsstunde lernten 
sie, Stofftiere anzufertigen. Dann 
besuchten kleine Gruppen von 
Schwestern alle anderen im Zweig - 
über 50 Familien - sie übermittelten 



Weihnachtsgrüße und brachten den 
Kindern Spielzeug mit. 

Sascha war so sehr mit den Vorbe- 
reitungen und Besuchen beschäftigt 
gewesen, daß sie nicht einmal daran 
gedacht hatte, ob sie selbst besucht 
wurde. „Aber am 23. Dezember, dem 
kältesten Abend des Winters, klin- 
gelte es an meiner Tür, und vier 
meiner Schwestern kamen in meine 
Wohnung", erzählt sie. „Eine von 
ihnen war seit anderthalb Jahren 
nicht mehr in der Kirche aktiv 
gewesen. Sie hatten an dem Abend 
bereits mehrere Schwestern besucht, 
aber jetzt hatten sie beschlossen, auch 
mich noch zu besuchen! Es war so 
kalt - sie froren sehr. Aber sie 
zündeten Kerzen an und sangen mit 
mir ,Stille Nacht'. Sie sagten mir viele 
freundliche Worte und gaben mir 
eine der Weihnachtskarten, die wir in 
der Arbeitsstunde angefertigt hatten! 
Ich fühlte mich von ihnen und vom 
himmlischen Vater sehr geliebt." 

Später erzählten viele der Frauen 
Sascha, wieviel Freude es ihnen 
bereitet hatte, ihre Weihnachtsbe- 
suche zu machen und besucht zu 
werden. „Als sie mir von ihren 
Erfahrungen berichteten, waren sie 
voller Gefühle, voller Licht und 
Feuer. Ich spürte die Wärme, die sie 
ausstrahlten, obwohl es die kälteste 
Zeit des Winters war!" 

Heute, mit 20, dient Sascha als 
Ratgeberin in der Distrikts-FHV- 
Leitung. „Ich lerne immer etwas", 
sagt sie, „und ich habe Angst davor, 
die eiserne Stange loszulassen [siehe 
1 Nephi 11:25]. Ich lese jeden Tag 
im Buch Mormon; es ist meine 
Stütze. Die Liebe unseres himmli- 
schen Vaters und Jesu Christi ist das 
Größte auf der Welt. Nur sie können 
uns ewiges Glück schenken. Ich 
kann mir mein Leben ohne sie nicht 
mehr vorstellen!" D 



OKTOBER 
11 



19 9 8 




Die Familie ist nicht nur die Grundlage unserer Gesellschaft und der Kirche, 
sondern auch unserer Hoffnung auf ewiges Leben. 



Eider Henry B. Eyring 

vom Kollegium der Zwölf Apostel 



Seit der Wiederherstellung des Evangeliums 
Jesu Christi durch den Propheten Joseph 
Smith hat die Kirche Jesu Christi der Heiligen 
? der Letzten Tage nur viermal eine 
Proklamation herausgegeben. 1 Seit der 
vorhergehenden, die den Fortschritt, den die Kirche in 
ihrer 150jährigen Geschichte gemacht hatte, schilderte, 
waren über 15 Jahre vergangen. Wir können also sehen, 
wie wichtig dem himmlischen Vater die Familie ist, die ja 
das Thema der fünften und jüngsten Proklamation ist, 
die am 23. September 1995 herausgegeben wurde. 2 

Da unser Vater seine Kinder liebt, läßt er uns nicht 
im Ungewissen über das, was in diesem Leben am wich- 
tigsten ist und wo unsere Aufmerksamkeit uns glücklich 
und Gleichgültigkeit uns traurig machen kann. 
Manchmal sagt er jemandem etwas direkt, durch 
Inspiration. Aber außerdem teilt er uns diese wichtigen 
Dinge durch seine Diener mit. Um es mit den Worten 
des Propheten Arnos zu sagen, die vor langer Zeit 
niedergeschrieben wurden: „Nichts tut Gott, der Herr, 
ohne daß er seinen Knechten, den Propheten, zuvor 
seinen Ratschluß offenbart hat." (Arnos 3:7.) Er tut dies 
so, daß selbst diejenigen, die keine Inspiration spüren, 
wissen können, falls sie überhaupt zuhören, daß ihnen 
die Wahrheit gesagt worden ist und daß sie gewarnt 
worden sind. 



Der Titel der Proklamation zur Familie lautet „Die 
Familie - eine Proklamation an die Welt - Die Erste 
Präsidentschaft und der Rat der Zwölf Apostel der 
Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage." 3 

Dreierlei an diesem Titel ist es wert, daß wir gründlich 
darüber nachdenken. Erstens das Thema, die Familie. 
Zweitens die Adressaten, die ganze Welt. Und drittens 
diejenigen, die die Proklamation herausgegeben haben 
und die wir als Propheten, Seher und Offenbarer 
bestätigen. All dies bedeutet, daß die Familie für uns von 
größer Wichtigkeit ist und daß alles, was in der 
Proklamation steht, jedem in der Welt helfen kann und 
daß die Proklamation der Verheißung entspricht, in der 
der Herr sagt: „Sei es durch meine eigene Stimme oder 
durch die Stimme meiner Knechte, das ist dasselbe." 
(LuB 1:38.) 

Ehe wir nun den Text der Proklamation näher 
betrachten, wollen wir anmerken, daß der Titel der 
Proklamation uns etwas darüber sagt, wie wir uns auf 
die darauffolgenden Worte einstimmen sollen. Wir 
können damit rechnen, daß Gott uns nicht einfach 
etwas Interessantes zum Thema Familie sagt; er sagt uns 
hier, was eine Familie sein soll und warum. Außerdem 
wissen wir, daß unser himmlischer Vater und sein Sohn, 
Jesus Christus, wollen, daß wir so werden wie sie, damit 
wir für immer in einer Familie bei ihnen leben können. 



DER 



STERN 
12 




„Im vorirdischen Dasein kannten und verehrten die 
Geistsöhne und -töchter ihren ewigen Vater und 
nahmen seinen Plan an; nach diesem Plan konnten 
sie einen physischen Körper erhalten und die 
Erfahrungen des irdischen Lebens machen, um sich 
auf die Vollkommenheit hin weiterzuentwickeln und 
letztlich als Erben ewigen Lebens ihre göttliche 
Bestimmung zu verwirklichen/ 1 



ELEKTRONISCHE ILLUSTRATIONEN VON SCOTT WELTY; FOTOS VON CRAIG DIMOND, WO NICHTS 
ANDERES ANGEGEBEN IST. SEITE 13: FOTO DER FAMILIE VON MICHAEL MCRAE; GEMÄLDE VON 
ROBERT T. BARRETT 



#» 



OKTOBER 
13 



19 9 8 




Wir wissen, daß dies wahr ist, weil wir diese schlichte 
Aussage zu ihren Absichten haben: „Es ist mein Werk und 
meine Herrlichkeit, die Unsterblichkeit und das ewige 
Leben des Menschen zustande zu bringen." (Mose 1:39.) 

EWIGES LEBEN: EIN ERREICHBARES ZIEL 

Ewiges Leben bedeutet, so wie der Vater zu werden 
und glücklich und in Freude für immer in einer Familie 
zu leben; also wissen wir, daß wir Hilfe brauchen, wenn 
wir das, was er sich für uns wünscht, erreichen wollen. 
Und wenn wir uns unzulänglich fühlen, mag es uns 
leichter fallen, umzukehren und bereit zu sein, uns auf 
die Hilfe des Herrn zu verlassen. Daß die Proklamation 



für die ganze Welt gültig ist, für jeden Menschen und 
jede Regierung darin, schenkt uns die Gewißheit, daß wir 
uns von unserem Gefühl der Unzulänglichkeit nicht über- 
wältigen lassen müssen. Wer wir auch sind, wie schwierig 
unsere Umstände auch sein mögen, wir können wissen, 
daß das, was unser Vater von uns verlangt, wenn wir für 
die Segnungen ewigen Lebens würdig sein wollen, unsere 
Fähigkeiten nicht übersteigt. Was ein Junge vor langer 
Zeit einmal gesagt hat, als er vor einer scheinbar unmög- 
lichen Aufgabe stand, ist wahr: „Ich weiß, der Herr gibt 
den Menschenkindern keine Gebote, ohne ihnen einen 
Weg zu bereiten, wie sie das vollbringen können, was er 
ihnen geboten hat." (1 Nephi 3:7.) 

Wir müssen vielleicht voll Glauben beten, um zu 
erkennen, was wir tun sollen, und wenn wir es dann 
wissen, müssen wir mit dem festen Vorsatz beten, 
gehorsam zu sein. Aber wir können wissen, was wir tun 




Die heiligen 
Handlungen und 
Bündnisse, die im 
W heiligen Tempel voll- 

If zogen werden können, 
ermöglichen es dem 
einzelnen, in die 
Gegenwart Gottes 
zurückzukehren, und 
der Familie, auf ewig 
vereint zu sein." 



sollen, und sicher sein, daß der Herr uns den Weg bereitet. 
Wenn wir lesen, was die Proklamation uns zum Thema 
Familie sagt, können wir erwarten - ja, müssen wir 
erwarten - daß wir Eingebungen zu dem erhalten, was wir 
tun sollen. Und wir können zuversichtlich sein, daß es uns 
möglich ist, diesen Eingebungen entsprechend zu handeln. 

Die Proklamation beginnt folgendermaßen: „Wir, die 
Erste Präsidentschaft und der Rat der Zwölf Apostel der 
Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, 
verkünden feierlich, daß die Ehe zwischen Mann und 
Frau von Gott verordnet ist und daß im Plan des 
Schöpfers für die ewige Bestimmung seiner Kinder die 
Familie im Mittelpunkt steht." 

Stellen wir uns doch vor, wir wären kleine Kinder, die 
diese Worte zum ersten Mal hören und glauben, daß sie 
wahr sind. Das kann eine nützliche Einstellung sein, 
wann immer wir das Wort Gottes lesen oder hören, denn 
er hat uns gesagt: „Amen, das sage ich euch: Wer das 
Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird 
nicht hineinkommen." (Lukas 18:17.) 

Ein kleines Kind fühlt sich geborgen, wenn es hört, 
daß „die Ehe zwischen Mann und Frau von Gott 
verordnet ist". Das Kind weiß dann, daß die Sehnsucht 
danach, sowohl vom Vater als auch von der Mutter 
geliebt zu werden, die zwei Personen sind, einander aber 
vollkommen ergänzen, deshalb besteht, weil diese 
Sehnsucht Teil des ewigen Plans, des Plans des 
Glücklichseins, ist. Das Kind fühlt sich auch deshalb 
geborgen, weil es weiß, daß Gott dem Vater und der 
Mutter hilft, Meinungsverschiedenheiten beizu- 
legen und einander zu lieben, wenn sie bloß 



um seine Hilfe bitten und sich bemühen. Die Gebete der 
Kinder auf der ganzen Erde steigen so zu Gott auf und 
flehen um seine Hilfe für die Eltern und die Familien. 

Lesen Sie jetzt genauso, als ob wir kleine Kinder 
wären, die nächsten Worte der Proklamation: 

„Alle Menschen - Mann und Frau - sind als Abbild 
Gottes erschaffen. Jeder Mensch ist ein geliebter 
Geistsohn beziehungsweise eine geliebte Geisttochter 
himmlischer Eltern und hat dadurch ein göttliches Wesen 
und eine göttliche Bestimmung. Das Geschlecht ist ein 
wesentliches Merkmal der individuellen vorirdischen, 
irdischen und ewigen Identität und Lebensbestimmung. 

Im vorirdischen Dasein kannten und verehrten die 
Geistsöhne und -töchter ihren ewigen Vater und nahmen 
seinen Plan an; nach diesem Plan konnten sie einen 
physischen Körper erhalten und die Erfahrungen des 
irdischen Lebens machen, um sich auf die 
Vollkommenheit hin weiterzuentwickeln und letztlich als 
Erben ewigen Lebens ihre göttliche Bestimmung zu 
verwirklichen. Der göttliche Plan des Glücklichseins 
macht es möglich, daß die Famililenbeziehungen über 
das Grab hinaus Bestand haben. Die heiligen 
Handlungen und Bündnisse, die im heiligen Tempel voll- 
zogen werden können, ermöglichen es dem einzelnen, in 
die Gegenwart Gottes zurückzukehren, und der Familie, 
auf ewig vereint zu sein." 

Wenn wir diese Wahrheiten kennen, sollte es uns 

leichter fallen, uns wie ein kleines Kind zu fühlen, nicht 

nur dann, wenn wir die Proklamation lesen, sondern 

unser Leben lang, weil wir ja Kinder sind - aber in 

was für einer Familie und mit welchen Eltern! 




FOTO VON WELDEN ANDERSEN 



OKTOBER 1998 
15 



Wir können uns ausmalen, wie es damals mit uns war, als 
wir viel länger, als wir es uns heute vorstellen können, 
Söhne und Töchter waren und in unserer himmlischen 
Heimat mit Eltern zusammen waren, die uns kannten 
und liebten. Außerdem wissen wir, daß wir in der vorir- 
dischen Welt aufgrund unseres Geschlechts Männer und 
Frauen mit einzigartigen Gaben waren und daß die 
Möglichkeit, zu heiraten und eins zu werden, nötig war, 
damit wir in Ewigkeit glücklich sein können. Aber jetzt, 
da wir hier sind, können wir uns ausmalen, wie es sein 
wird, wenn wir nach dem Tod wieder zu unseren 
himmlischen Eltern an jenen wundervollen Ort heim- 
kehren, und zwar nicht mehr nur als Söhne und 
Töchter, sondern als Ehemann und Ehefrau, Vater und 
Mutter, Großvater und Großmutter, Enkelsohn und 
Enkeltochter, die einander für immer in einer liebenden 
Familie verbunden sind. 

Mit diesem Bild vor Augen können wir nie wieder in 
Versuchung geraten, zu denken: Vielleicht würde mir das 
ewige Leben gar nicht gefallen. Vielleicht wäre ich im 
Leben nach dem Tod an einem anderen Ort genauso glück- 
lich, schließlich habe ich gehört, daß selbst das niedrigste 
Reich schöner ist als alles, was wir hier auf der Erde haben." 
Um einer solchen Einstellung entgegenzuwirken, 
müssen wir das Ziel ewiges Leben nicht nur im Sinn, 
sondern auch im Herzen haben. Wir wünschen uns 
ewiges Leben in einer Familie. Wir wünschen es uns 
nicht nur für den Fall, daß es sich zufällig einrichten läßt, 
und wir wünschen uns auch nichts, das fast so ist wie 
ewiges Leben. Wir wünschen uns ewiges Leben, was 
immer das an Anstrengung, Schmerz und Opfern kostet. 
Wenn wir also versucht sind, auf ewiges Leben nur zu 
hoffen, statt fest dazu entschlossen zu sein, könnten wir 
an ein Haus denken, das ich vor kurzem gesehen habe. 

Ich war in Boston in Massachusetts. Aus nostalgischen 
Gründen kehrte ich zu der Pension zurück, in der ich 
wohnte, als ich Kathleen kennenlernte, die jetzt meine 
Frau ist. Das war lange her, deshalb erwartete ich, das 
Haus in etwas verfallenem Zustand vorzufinden. Aber zu 
meiner Überraschung war es frisch gestrichen und 
umfangreich renoviert. Ich dachte daran zurück, wie 
wundervoll die Eigentümer damals ihre Mieter, alles 
Studenten, bei sich aufgenommen hatten. Ich hatte ein 
großes Zimmer und ein eigenes Badezimmer, Möbel und 
Bettwäsche, Zimmerservice, sechsmal in der Woche ein 
opulentes Frühstück und fünfmal in der Woche ein herr- 
liches Abendessen, und das alles zu einem recht geringen 
Preis pro Woche. Außerdem waren die Mahlzeiten immer 
reichlich und so liebevoll zubereitet, daß wir unsere 
Vermieterin „Ma Soper" nannten. Heute weiß ich, daß 
ich Frau Soper sicher nicht oft genug gedankt habe, auch 



DER 



nicht Herrn Soper und den Töchtern, denn es war sicher 
nicht einfach, an jedem Abend in der Woche 12 allein- 
stehende Männer zum Abendessen da zu haben. 

Diese alte Pension hätte die größten Zimmer, den 
besten Service und die nettesten Mieter haben können, 
aber wir hätten dort trotzdem immer nur vorüberge- 
hend bleiben wollen. Es hätte schöner sein können, als 
wir uns je vorstellen könnten, und trotzdem hätten wir 
nicht für immer als Alleinstehende dort wohnen 
wollen, wenn wir auch nur eine schwache Erinnerung 
oder Vorstellung von einer Familie mit geliebten Eltern 
und Kindern haben - so wie die Familie, die wir 
verlassen haben, als wir zur Erde kamen, und die 
Familie, die wir schaffen und in der wir für immer leben 
sollen. Es gibt im Himmel nur einen Ort, wo Familien 
sein werden - den höchsten Grad im celestialen Reich. 
Dort werden wir sein wollen. 

Ein Kind, das die Worte der Proklamation dazu, daß 
eine Familie in Ewigkeit vereint sein kann, hört und 
glaubt, beginnt wohl eine lebenslange Suche nach einem 
heiligen Tempel, wo heilige Handlungen und Bündnisse 
zu finden sind, die die Familie über das Grab hinaus 
bestehen lassen. Das Kind beginnt dann wohl auch, sich 
darum zu bemühen, würdig zu werden und sich auf 
sonstige Weise darauf vorzubereiten, einen potentiellen 
Partner zu finden, der sich seinerseits für solche heiligen 
Handlungen würdig gemacht hat. Die Worte der 
Proklamation machen es deutlich, daß jemand, der diese 
Segnungen erlangen will, gewisse Erfahrungen durch- 
laufen muß, die der Vervollkommnung dienen. Ein Kind 
spürt das vielleicht nicht von Anfang an, aber es lernt 
wohl bald, daß es einen der Vollkommenheit kaum näher 
bringt, wenn man nur gute Vorsätze faßt und sich mehr 
bemüht. Vielmehr braucht man zusätzliche Hilfe. 

Mit dem Alter kommt auch die Versuchung, manches 
zu tun, das Schuldgefühle auslöst. Jedes Kind verspürt 
irgendwann diese Gewissensbisse, so wie wir alle, Und wer 
diese kostbaren Schuldgefühle hat und sich nicht davon 
befreien kann, verzweifelt vielleicht, weil er das Gefühl 
hat, daß das ewige Leben eine Vervollkommnung voraus- 
setzt, die ihm unerreichbar vorkommt. Deshalb müssen 
wir alle uns vornehmen, mit Menschen, die noch nicht 
wissen, wie man solchen Fortschritt macht, zu sprechen 
und ihnen zu erklären, was wir wissen. Wir tun das, weil 
wir wissen, daß sie sich eines Tages das wünschen werden, 
was wir uns wünschen, und daß sie dann wissen werden, 
daß wir ihr Bruder beziehungsweise ihre Schwester waren 
und daß wir den Weg zum ewigen Leben kannten. Es ist 
nicht schwer, ein Missionar zu sein, wenn man an diesen 
Augenblick in der Zukunft denkt, in dem sie und wir die 
Dinge so sehen werden, wie sie wirklich sind. 

STERN 
16 



DIE HEILIGKEIT DES MENSCHENLEBENS 

Andere Worte in der Proklamation sind aufgrund 
dessen, was wir über das ewige Leben wissen für uns von 
besonderer Bedeutung. Sie stehen in den beiden näch- 
sten Absätzen: 

„Das erste Gebot, das Gott Adam und Eva gab, bezog 
sich darauf, daß sie als Ehemann und Ehefrau Eltern 
werden konnten. Wir verkünden, daß Gottes Gebot für 
seine Kinder, sich zu vermehren und die Erde zu bevöl- 
kern, noch immer in Kraft ist. Weiterhin verkünden wir, 
daß Gott geboten hat, daß die heilige Fortpflanzungskraft 
nur zwischen einem Mann und einer Frau angewandt 
werden darf, die rechtmäßig miteinander verheiratet sind. 

Wir verkünden, daß die Art und Weise, wie sterbli- 
ches Leben erschaffen werden soll, von Gott so festgelegt 
ist. Wir bekräftigen, daß das Leben heilig und in Gottes 
ewigem Plan von wesentlicher Bedeutung ist." 

Ein Kind, das diese Worte glaubt, könnte leicht sehen, 
welche Fehler manche Erwachsene in ihrer Argumentation 
machen. Beispielsweise machen scheinbar kluge und 
mächtige Menschen Armut und Hunger als Ursache dafür 
aus, daß es in manchen Teilen der Erde oder auf der Erde 
überhaupt zu viele Menschen gibt. Sie setzen sich leiden- 
schaftlich dafür ein, die Zahl der Geburten zu beschränken, 
als ob das die Menschen glücklich machen würde. Ein 
Kind, das die Proklamation glaubt, weiß, daß das nicht so 
sein kann, auch ehe es diese Worte hört, die der Herr durch 
seinen Propheten Joseph Smith hat sprechen lassen: 
„Denn die Erde ist voll, und es ist genug vorhanden, ja, daß 
noch übrigbleibt; ja, ich habe alles bereitet, und ich 
gewähre den Menschenkindern, daß sie selbständig 
handeln." (LuB 104:17.) 

Ein Kind könnte sehen, daß der himmlische Vater den 
Menschen nicht gebieten würde, zu heiraten und sich zu 
vermehren und die Erde zu bevölkern, wenn die Kinder, 
die sie in die Sterblichkeit einladen, die Erde völlig 

„Das erste Gebot, das Gott Adam und Eva gab, bezog 
sich darauf, daß sie als Ehemann und Ehefrau Eltern 
werden konnten." 




FOTO VON CRAIG DIMOND 



( 



ausbeuten würden. Da aber genug vorhanden ist, so daß 
sogar noch etwas übrigbleibt, ist der Feind menschlichen 
Glücks und die Ursache von Armut und Hunger nicht 
die Geburt von Kindern. Vielmehr ist er darin zu sehen, 
daß die Menschen mit der Erde nicht so umgehen, wie 
Gott sie lehren könnte, wenn sie bloß fragen und gehor- 
chen würden, da sie ja selbständig handeln können. 

Wir würden auch sehen, daß das Gebot, keusch zu 
sein und die Fortpflanzungskraft nur in der Ehe zu 
gebrauchen, uns nicht einschränkt, sondern uns viel- 
mehr bereichert und erhöht. Kinder sind eine Gabe des 
Herrn an uns - sowohl in diesem Leben als auch in 
Ewigkeit. Ewiges Leben bedeutet nicht nur, daß unsere 
Nachkommen aus diesem Leben uns für immer gehören. 
Es bedeutet auch ewige Vermehrung. So wird uns das, 
was uns erwartet, wenn wir durch einen Diener Gottes, 
der die Vollmacht hat, an uns die heilige Siegelung zu 
vollziehen, im Tempel als Mann und Frau gesiegelt 
worden sind, geschildert. Hier die Worte des Herrn: 

„Dann wird ihnen alles geschehen, was mein Knecht 
ihnen zugebilligt hat - in der Zeit und in aller Ewigkeit; 
und ihr Bund wird voll in Kraft sein, wenn sie außer der 
Welt sind, und sie werden an den Engeln und den 
Göttern, die dort hingestellt sind, vorbeigehen zu ihrer 
Erhöhung und Herrlichkeit in allem, wie es auf sie gesie- 
gelt worden ist, und diese Herrlichkeit wird eine Fülle 







sowie ein Weiterbestand der Nachkommen sein, für 
immer und immer. 

Dann werden sie Götter sein, weil sie kein Ende 
haben; darum werden sie von Unendlichkeit zu 
Unendlichkeit sein." (LuB 132: 19,20.) 

Jetzt können Sie sehen, warum unser Vater den 
Gebrauch unserer Fortpflanzungskraft, deren Fortbestand 
der Wesenskern ewigen Lebens ist, mit so hohen 
Maßstäben verknüpft. Der Herr Jesus Christus hat uns 
erklärt, was ewiges Leben wert ist: „Wenn du meine 
Gebote hältst und bis ans Ende ausharrst, sollst du ewiges 

„Weiterhin verkünden wir, daß Gott geboten hat, daß 
die heilige Fortpflanzungskraft nur zwischen einem 
Mann und einer Frau angewandt werden darf, die 
rechtmäßig miteinander verheiratet sind." 






Leben haben, und diese Gabe ist die größte von allen 
Gaben Gottes." (LuB 14:7.) 

Wir können verstehen, warum unser himmlischer 
Vater uns gebietet, große Achtung vor dem Leben zu 
haben und die Kraft, die Leben erschafft, als heilig zu 
erachten. Wenn wir in diesem Leben keine solchen 
ehrfürchtigen Gefühle haben, wie kann unser Vater sie 
uns dann in der Ewigkeit überlassen? Das Familienleben 
hier ist das Klassenzimmer, in dem wir uns auf das 
Familienleben dort vorbereiten. Und damit wir die 
Möglichkeit haben, dort in einer Familie zu leben, hat 
die Schöpfung stattgefunden. Deshalb wurde das 
Kommen Elijas folgendermaßen geschildert: „Und er wird 
den Kindern die den Vätern gegebenen Verheißungen ins 
Herz pflanzen, und das Herz der Kinder wird sich ihren 
Vätern zuwenden. Wenn es nicht so wäre, würde die 
ganze Erde bei seinem Kommen völlig verwüstet werden." 
Qoseph Smith - Lebensgeschichte 1:39.) 

Für manche von uns besteht die Prüfung im 
Klassenzimmer der Sterblichkeit darin, daß sie sich eine 
Ehe und Kinder in diesem Leben von ganzem Herzen 
wünschen, daß dies aber erst später kommt oder ihnen 
ganz verwehrt bleibt. Selbst solchen Kummer können der 
gerechte und liebende Vater und sein Sohn, Jesus 
Christus, in Segen verwandeln. Niemandem, der voll 
Glauben und mit ganzem Herzen nach den Segnungen 
ewigen Lebens trachtet, bleiben sie verwehrt. Und wie 
groß wird doch die Freude sein und wieviel tiefgehender 
die Wertschätzung - nachdem man jetzt in Geduld und 
Glauben ausgeharrt hat. 

IN DER FAMILIE GLÜCKLICH WERDEN 

Die Proklamation legt dar, wie wir hier für das 
Familienleben geschult werden: 

„Mann und Frau tragen die feierliche Verantwortung, 
einander und ihre Kinder zu lieben und zu umsorgen. 
,Kinder sind eine Gabe des Herrn.' (Psalm 127:3.) Die 
Eltern haben die heilige Pflicht, ihre Kinder in Liebe 
und Rechtschaffenheit zu erziehen, 
für ihre physischen und geistigen 
Bedürfnisse zu sorgen, sie zu lehren, 
daß sie einander lieben und 
einander dienen, die Gebote 
Gottes befolgen und gesetzes- 
treue Bürger sein sollen, wo 
immer sie leben. Mann und 
Frau - Vater und Mutter - 
werden vor Gott darüber 
Rechenschaft ablegen müssen, wie 
sie diesen Verpflichtungen nachge- 
kommen sind. 



Die Familie ist von Gott eingerichtet. Die Ehe zwischen 
Mann und Frau ist wesentlich für seinen ewigen Plan. Das 
Kind hat ein Recht darauf, im Bund der Ehe geboren zu 
werden und in der Obhut eines Vaters und einer Mutter 
aufzuwachsen, die den Ehebund in völliger Treue 
einhalten. Ein glückliches Familienleben kann am ehesten 
erreicht werden, wenn die Lehren des Herrn Jesus Christus 
seine Grundlage sind. Erfolgreiche Ehen und Familien 
gründen und sichern ihren Bestand auf den Prinzipien 
Glaube, Gebet, Umkehr, Vergebungsbereitschaft, gegensei- 
tige Achtung, Liebe, Mitgefühl, Arbeit und sinnvolle 
Freizeitgestaltung. Gott hat es so vorgesehen, daß der Vater 
in Liebe und Rechtschaffenheit über die Familie präsidiert 
und daß er die Pflicht hat, dafür zu sorgen, daß die Familie 
alles hat, was sie zum Leben und für ihren Schutz braucht. 
Die Mutter ist in erster Linie für das Umsorgen und die 
Erziehung der Kinder zuständig. Vater und Mutter müssen 
einander in diesen heiligen Aufgaben als gleichwertige 
Partner zur Seite stehen. Behinderung, Tod und sonstige 
Umstände mögen eine individuelle Anpassung erforderlich 
machen. Bei Bedarf leisten die übrigen Verwandten Hilfe." 

Diese beiden Absätze sind voller praktischer Bezüge. 
Es gibt manches, womit wir jetzt beginnen können und 
das damit zu tun hat, daß wir für die geistigen und mate- 
riellen Bedürfnisse einer Familie sorgen. Es gibt manches, 
was wir jetzt tun können, um uns vorzubereiten, lange 
ehe der Bedarf besteht, damit wir in dem Bewußtsein, 
daß wir alles getan haben, was wir können, inneren 
Frieden haben können. 

Zunächst können wir beschließen, unseren Erfolg 
und nicht unser Versagen zu planen. Jeden Tag werden 
uns Statistiken vorgehalten, die uns weismachen 
wollen, eine Familie, die aus einem liebenden Vater und 

einer liebenden Mutter und 
Kindern besteht, die so 




geliebt, unterwiesen und umsorgt werden, wie die 
Proklamation es rät, gehe angeblich den Weg der 
Dinosaurier und sei im Aussterben begriffen. Sie haben 
in Ihrer Familie genügend Beweise, um zu wissen, daß 
rechtschaffenen Menschen manchmal die Familie durch 
Umstände, auf die sie keinen Einfluß haben, auseinan- 
dergerissen wird. Man braucht Mut und Glauben, um für 
das zu planen, was Gott einem als Ideal vor Augen führt, 
statt für das, was uns die Umstände aufzwingen mögen. 

Umgekehrt gibt es wichtige Möglichkeiten, bei denen 
ein Versagen wahrscheinlicher und das Ideal weniger wahr- 
scheinlich ist, wenn man das Versagen einplant. 
Betrachten Sie beispielsweise diese beiden, zusammen- 
gehörigen Gebote: Der Vater hat die Pflicht, „dafür zu 
sorgen, daß die Familie alles hat, was sie zum Leben . . . 
braucht." Ebenso: „Die Mutter ist in erster Linie für das 
Umsorgen und die Erziehung der Kinder zuständig." In 
dem Bewußtsein, wie schwer das sein kann, entscheidet 
sich ein junger Mann vielleicht für eine berufliche 
Laufbahn auf der Basis dessen, wieviel Geld sie ihm 
einbringt, selbst wenn das bedeutet, daß er dann vielleicht 
nicht genug zu Hause wäre, um ein gleichwertiger Partner 
zu sein. Dadurch hat er bereits beschlossen, daß er nicht 
darauf hoffen kann, das zu tun, was am besten ist. Eine 
junge Frau bereitet sich vielleicht auf eine berufliche 
Laufbahn vor, die mit ihrer Hauptaufgabe, ihre Kinder zu 
umsorgen, nicht vereinbar ist, weil es ja möglich ist, daß sie 
nicht heiratet, daß sie keine Kinder bekommt oder daß sie 
allein für die Kinder sorgen muß. Oder sie könnte es unter- 
lassen, ihre Ausbildung auf das Evangelium und auf die 
nützlichen Erkenntnisse in der Welt auszurichten, die die 
Sorge für eine Familie verlangt, da ihr nicht klar ist, daß sie 
ihre Talente und ihre Ausbildung zum höchsten und besten 
Nutzen anwendet, indem sie sie in der Familie nutzt. Wenn 
also ein junger Mann und eine junge Frau auf diese Weise 
planen, ist es vielleicht weniger wahrscheinlich, daß sie das 
erlangen, was für eine Familie am besten ist. 

Gewiß verhalten sie sich beide klug, wenn sie sich über 
die materiellen Bedürfnisse ihrer zukünftigen Familie 
Gedanken machen. Die Kosten für den Kaufeines Hauses 
steigen im Vergleich zum Durchschnittseinkommen, und 
es ist schwieriger geworden, einen Arbeitsplatz zu 
behalten. Aber es gibt noch weitere Möglichkeiten für 
den jungen Mann und die junge Frau, sich auf das 
Umsorgen ihrer zukünftigen Familie vorzubereiten. Das 
Einkommen ist nur ein Teil davon. Ist Ihnen aufgefallen, 
daß ein Mann und eine Frau, die unter Geldmangel 
leiden, sich für Lösungen entscheiden, die das 
Einkommen der Familie steigen lassen, wobei sie dann 
bald feststellen, daß es ihnen immer an Geld mangelt, 
egal wie hoch das Einkommen ist? Es gibt eine alte 



Formel, die ungefähr so lautet: Einkommen fünf Dollar 
und Ausgaben sechs Dollar: Elend. Einkommen vier 
Dollar und Ausgaben drei Dollar: Glück. 

Ob der junge Mann für seine Familie sorgen und nach 
der Arbeit zu einer vernünftigen Uhrzeit zu seiner 
Familie zurückkehren kann und ob die junge Frau da sein 
und ihre Kinder umsorgen kann, kann genauso sehr 
davon abhängen, wie sie ihr Geld ausgeben lernen, wie 
davon, ob sie lernen, es zu verdienen. Präsident Young 
hat das folgendermaßen ausgedrückt, wobei er genauso 
sehr zu uns gesprochen hat wie zu den Menschen seiner 
Zeit: „Wenn ihr reich werden wollt, dann spart, was ihr 
bekommt. Ein Narr kann Geld verdienen, aber man muß 
weise sein, um es zu sparen und es zu seinem Vorteil zu 
nutzen. Dann macht euch an die Arbeit und fertigt eure 
Hüte und eure Kleidung selbst an." 3 

In der heutigen Welt würde Präsident Young den 
jungen Ehepaaren vielleicht nicht raten, ihre Hüte selbst 





FOTO VON JED CLARK 

„Die Eltern haben die heilige 
Pflicht, ihre Kinder in Liebe 
und Rechtschaffen heit zu 
erziehen, für ihre physischen 
und geistigen Bedürfnisse zu 
sorgen, sie zu lehren, daß 
sie einander lieben und 
einander dienen, die Gebote 
Gottes befolgen . . . sollen/' 



DER 



STERN 

20 



anzufertigen, sondern ihnen eher ans Herz legen, gründ- 
lich darüber nachzudenken, was sie wirklich an Autos, 
Kleidung, Freizeitgestaltung, Häusern, Urlaub und sonst 
so brauchen, um für ihre Kinder zu sorgen. Und er 
könnte darauf hinweisen, daß die Differenz in den 
Kosten zwischen dem, was die Welt für nötig hält, und 
dem, was die Kinder wirklich brauchen, die Zeitspanne 
einbringt, die Vater und Mutter mit ihren Kindern 
verbringen müssen, um sie zu ihrem himmlischen Vater 
nach Hause zu bringen. 

Selbst das sparsamste Vorgehen beim Geldausgeben 
und die sorgfältigste Planung für die Berufstätigkeit 
mögen nicht ausreichen, um den Erfolg zu sichern, aber 
sie können ausreichen, um uns den inneren Frieden zu 
sichern, der damit einhergeht, daß wir wissen, wir haben 
das Beste getan, um vorzusorgen und zu umsorgen. 

Es gibt noch eine weitere Möglichkeit, wie wir unseren 
Erfolg planen können - trotz der Schwierigkeiten, die 
vielleicht vor uns liegen. Die Proklamation gibt uns einen 
hohen Maßstab vor, wo sie von unserer Verpflichtung 
spricht, unsere Kinder zu unterweisen. Wir sollen sie 
irgendwie so unterweisen, daß sie einander lieben und 
einander dienen, daß sie die Gebote halten und daß sie 
gesetzestreue Bürger sind. Wenn wir an gute Familien 
denken, die diese Prüfung nicht bestanden haben, und es 
gibt nur wenige, die ihn bestehen, ohne in ein, zwei 
Generationen auch gewisse Fehler zu machen, könnten 
wir den Mut verlieren. 

Wir können nicht darüber bestimmen, wie andere 
sich entscheiden, und wir können unsere Kinder nicht in 
den Himmel zwingen, aber wir können beschließen, was 
wir tun wollen, und wir können beschließen, daß wir 
alles tun, was wir können, um die Himmelskräfte in die 
Familie zu bringen, für die wir uns so sehr wünschen, daß 
sie für immer besteht. 

Einen Schlüssel dazu finden wir in der Proklamation: 
„Ein glückliches Familienleben kann am ehesten erreicht 
werden, wenn die Lehren des Herrn Jesus Christus seine 
Grundlage sind." 

Wann wäre die Wahrscheinlichkeit größer, daß die 
Menschen in einer Familie einander dienen, daß sie die 
Gebote Gottes befolgen und das Gesetz achten? Es 
bedeutet nicht bloß, daß man das Evangelium lehrt. Es 
bedeutet, daß sie das Wort Gottes hören und es dann im 
Glauben auf die Probe stellen. Dann ändert ihr Wesen 
sich dergestalt, daß sie das Glück finden, das sie suchen. 
Die folgenden Worte Mormons schildern genau, inwie- 
fern diese Wandlung die natürliche Frucht des Lebens 
nach dem Evangelium Jesu Christi ist: 

„Und die erste Frucht der Umkehr ist die Taufe; und 
die Taufe kommt aus dem Glauben, wodurch man die 



DER 



Gebote erfüllt; und die Erfüllung der Gebote bringt 
Sündenvergebung; 

und die Sündenvergebung bringt Sanftmut und 
Herzensdemut; und auf Sanftmut und Herzensdemut hin 
kommt der Besuch des Heiligen Geistes, und dieser 
Tröster erfüllt mit Hoffnung und vollkommener Liebe, 
und die Liebe harrt durch Eifer im Gebet aus, bis das 
Ende kommt, da alle Heiligen mit Gott wohnen werden." 
(Moroni 8:25,26.) 

Wenn wir unsere Kinder auf die Taufe vorbereiten 
und wenn wir das gut machen, bereiten wir sie auf den 
Prozeß vor, der die Auswirkungen des Sühnopfers in ihr 
Leben bringt und die Himmelskräfte in unsere Familie. 
Denken Sie an die innere Wandlung, die wir alle brau- 
chen. Wir brauchen den Heiligen Geist, der uns mit 
Hoffnung und vollkommener Liebe erfüllt, so daß wir 
durch Eifer im Gebet ausharren. Und dann können wir 
für immer in einer Familie bei Gott leben. Wie kann 
der Heilige Geist kommen? Durch die schlichte 
Verheißung, die Mormon seinem Sohn Moroni gegeben 
hat. Der Glaube an Jesus Christus, der zur Umkehr 
bewegt, und dann die Taufe durch jemanden, der die 
nötige Vollmacht hat, führen zur Sündenvergebung. 
Das bringt Sanftmut und Herzensdemut. Und das 
wiederum erlaubt es uns, den Heiligen Geist zum 
Begleiter zu haben, der uns mit Hoffnung und vollkom- 
mener Liebe erfüllt. 

Was diese ersehnte Liebe und das ersehnte Glück 
betrifft, ist die Proklamation in dem, was sie verheißt, 
sehr vorsichtig: „Ein glückliches Familienleben kann 
am ehesten erreicht werden, wenn die Lehren des 
Herrn Jesus Christus seine Grundlage sind." Mir tut 
das Herz ein wenig weh, weil ich weiß, daß viele, die 
diese Worte lesen, von Menschen umgeben sind, die 
die Lehren Jesu Christi nicht kennen oder sie leugnen. 
Sie können nur ihr Bestes tun. Aber sie können dies 
wissen: Der himmlische Vater weiß, in welcher Familie 
sie leben, so groß die Herausforderungen auch sein 
mögen. Sie können wissen, daß für sie ein Weg 
bereitet ist, so daß sie alles tun können, was von ihnen 
verlangt wird, damit sie für das ewige Leben würdig 
sind. Sie können vielleicht nicht sehen, wie Gott 
ihnen diese Gabe verleiht oder mit wem sie sie teilen 
werden. Aber die Verheißung des Evangeliums Jesu 
Christi ist gewiß: 

„Sondern lernt, daß derjenige, der die Werke der 
Rechtschaffenheit tut, seinen Lohn empfangen wird, 
nämlich Frieden in dieser Welt und ewiges Leben in der 
zukünftigen Welt. 

Ich, der Herr, habe es gesagt, und der Geist gibt 
Zeugnis. Amen." (LuB 59:23,24.) 

STERN 

22 



Dieser Friede entspringt der Gewißheit, daß das 
Sühnopfer in unserem Leben wirksam geworden ist, und 
der Hoffnung auf ewiges Leben, die mit dieser Gewißheit 
einhergeht. 

Die Proklamation spricht warnend davon, daß auf 
diejenigen, die sich ihrer Wahrheit verschließen, schlim- 
mere Folgen warten als bloß die, daß sie in diesem Leben 
keinen Frieden haben und nicht glücklich sind. Hier die 
prophetische Warnung und der Aufruf zum Handeln, mit 
dem die Proklamation endet: 

„Wir weisen warnend daraufhin, daß jemand, der die 
Bündnisse der Keuschheit verletzt, der seinen 
Ehepartner oder seine Kinder mißhandelt oder seinen 
familiären Verpflichtungen nicht nachkommt, eines 
Tages vor Gott Rechenschaft ablegen muß. Weiter 
warnen wir davor, daß der Zerfall der Familie Unheil über 
die einzelnen Menschen, die Gemeinwesen und die 
Nationen bringen wird, wie es in alter und neuer Zeit 
von den Propheten vorhergesagt worden ist. 

Wir rufen die verantwortungsbewußten Bürger und 
Regierungsvertreter in aller Welt auf, solche 
Maßnahmen zu fördern, die darauf ausgerichtet sind, die 
Familie als Grundeinheit der Gesellschaft zu bewahren 
und zu stärken." 

Die Familieneinheit ist nicht nur die Grundlage der 
Gesellschaft und der Kirche, sondern auch unserer 
Hoffnung auf ewiges Leben. Wir beginnen mit dem Üben 
in der Familie, der kleineren Einheit, aber das dehnt sich 
dann auf die Kirche und auf die Gesellschaft, in der wir in 
dieser Welt leben, aus, und dann üben wir es in Familien, 
die einander durch Bündnisse und durch Treue für immer 
verbunden sind. Wir können jetzt anfangen, „solche 
Maßnahmen zu fördern, die darauf ausge- 
richtet sind, die Familie ... zu bewahren und 
zu stärken". Ich bete, daß wir das tun. Ich 
bete, daß Sie fragen: ,Yater, wie kann ich 
mich vorbereiten?" Erzählen Sie ihm, 
wie sehr Sie sich das, was er Ihnen 
schenken möchte, wünschen. Sie 
werden Eingebungen erhalten, 
und wenn Sie sich daran halten, 
werden die Himmelskräfte 
Ihnen helfen, das verheiße 
ich Ihnen. 

Ich bezeuge, daß unser 
himmlischer Vater lebt, 
daß wir als Geist bei 
ihm gelebt haben und 
daß 



Welt irgendwo anders als bei ihm leben würden. Ich 
bezeuge, daß Jesus Christus unser Erretter ist, daß er, 
indem er für die Sünden aller gelitten hat, den 
Wandel in uns, der uns ewiges Leben verschaffen kann, 
möglich gemacht hat. Ich bezeuge, daß der Heilige 
Geist uns mit Hoffnung und mit vollkommener 
Liebe erfüllen kann. Und ich bezeuge, daß die 
Siegelungsvollmacht, die Joseph Smith übertragen 
wurde und die Präsident Gordon B. Hinckley jetzt 
innehat, uns in einer Familie verbinden und uns ewiges 
Leben schenken kann, wenn wir im Glauben alles tun, 
was wir können. D 

FUSSNOTEN 

1. Diese Proklamationen sind in Daniel H. Ludlow, 
Herausgeber, Enyclopedia of Mormonism, 5 Bde. (1992), 
3:1151-57) abgedruckt. 

2. Siehe Der Stern, Oktober 1998, 24. 

3. In Journal of Discourses, 11:301. 

„Ein glückliches Familienleben kann am ehesten 
erreicht werden, wenn die Lehren des Herrn Jesus 
Christus seine Grundlage sind." 



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DIE FAMILIE 

EINE PROKLAMATION AN DIE WELT 

Die Erste Präsidentschaft und der Rat der Zwölf Apostel 

der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 




Wir, die Erste Präsidentschaft und der Rat der Zwölf 
Apostel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der 
Letzten Tage, verkünden feierlich, daß die Ehe zwischen 
Mann und Frau von Gott verordnet ist und daß im Plan 
des Schöpfers für die ewige Bestimmung seiner Kinder die 
Familie im Mittelpunkt steht. 

Alle Menschen - Mann und Frau - sind als Abbild 
Gottes erschaffen. Jeder Mensch ist ein geliebter Geistsohn 
beziehungsweise eine geliebte Geisttochter himmlischer 
Eltern und hat dadurch ein göttliches Wesen und eine gött- 
liche Bestimmung. Das Geschlecht ist ein wesentliches 
Merkmal der individuellen vorirdischen, irdischen und 
ewigen Identität und Lebensbestimmung. 

Im vorirdischen Dasein kannten und verehrten die 
Geistsöhne und -töchter ihren ewigen Vater und nahmen 
seinen Plan an; nach diesem Plan konnten sie einen physi- 
schen Körper erhalten und die Erfahrungen des irdischen 
Lebens machen, um sich auf die Vollkommenheit hin 
weiterzuentwickeln und letztlich als Erben ewigen Lebens 
ihre göttliche Bestimmung zu verwirklichen. Der göttliche 
Plan des Glücklichseins macht es möglich, daß die 
Famililenbeziehungen über das Grab hinaus Bestand 
haben. Die heiligen Handlungen und Bündnisse, die im 
heiligen Tempel vollzogen werden können, ermöglichen es 
dem einzelnen, in die Gegenwart Gottes zurückzukehren, 
und der Familie, auf ewig vereint zu sein. 

Das erste Gebot, das Gott Adam und Eva gab, bezog sich 
darauf, daß sie als Ehemann und Ehefrau Eltern werden 
konnten. Wir verkünden, daß Gottes Gebot für seine 
Kinder, sich zu vermehren und die Erde zu bevölkern, noch 
immer in Kraft ist. Weiterhin verkünden wir, daß Gott 
geboten hat, daß die heilige Fortpflanzungskraft nur 
zwischen einem Mann und einer Frau angewandt werden 
darf, die rechtmäßig miteinander verheiratet sind. 

Wir verkünden, daß die Art und Weise, wie sterbliches 
Leben erschaffen werden soll, von Gott so festgelegt ist. 
Wir bekräftigen, daß das Leben heilig und in Gottes 
ewigem Plan von wesentlicher Bedeutung ist. 

Mann und Frau tragen die feierliche Verantwortung, 
einander und ihre Kinder zu lieben und zu umsorgen. 
„Kinder sind eine Gabe des Herrn." (Psalm 127:3.) Die 
Eltern haben die heilige Pflicht, ihre Kinder in Liebe und 
Rechtschaffenheit zu erziehen, für ihre physischen und 
geistigen Bedürfnisse zu sorgen, sie zu lehren, daß sie 



einander lieben und einander dienen, die Gebote Gottes 
befolgen und gesetzestreue Bürger sein sollen, wo immer 
sie leben. Mann und Frau - Vater und Mutter - werden 
vor Gott darüber Rechenschaft ablegen müssen, wie sie 
diesen Verpflichtungen nachgekommen sind. 

Die Familie ist von Gott eingerichtet. Die Ehe zwischen 
Mann und Frau ist wesentlich für seinen ewigen Plan. Das 
Kind hat ein Recht darauf, im Bund der Ehe geboren zu 
werden und in der Obhut eines Vaters und einer Mutter 
aufzuwachsen, die den Ehebund in völliger Treue 
einhalten. Ein glückliches Familienleben kann am ehesten 
erreicht werden, wenn die Lehren des Herrn Jesus Christus 
seine Grundlage sind. Erfolgreiche Ehen und Familien 
gründen und sichern ihren Bestand auf den Prinzipien 
Glaube, Gebet, Umkehr, Vergebungsbereitschaft, gegensei- 
tige Achtung, Liebe, Mitgefühl, Arbeit und sinnvolle 
Freizeitgestaltung. Gott hat es so vorgesehen, daß der 
Vater in Liebe und Rechtschaffenheit über die Familie 
präsidiert und daß er die Pflicht hat, dafür zu sorgen, daß 
die Familie alles hat, was sie zum Leben und für ihren 
Schutz braucht. Die Mutter ist in erster Linie für das 
Umsorgen und die Erziehung der Kinder zuständig. Vater 
und Mutter müssen einander in diesen heiligen Aufgaben 
als gleichwertige Partner zur Seite stehen. Behinderung, 
Tod und sonstige Umstände mögen eine individuelle 
Anpassung erforderlich machen. Bei Bedarf leisten die 
übrigen Verwandten Hilfe. 

Wir weisen warnend darauf hin, daß jemand, der die 
Bündnisse der Keuschheit verletzt, der seinen Ehepartner 
oder seine Kinder mißhandelt oder seinen familiären 
Verpflichtungen nicht nachkommt, eines Tages vor Gott 
Rechenschaft ablegen muß. Weiter warnen wir davor, 
daß der Zerfall der Familie Unheil über die einzelnen 
Menschen, die Gemeinwesen und die Nationen bringen 
wird, wie es in alter und neuer Zeit von den Propheten 
vorhergesagt worden ist. 

Wir rufen die verantwortungsbewußten Bürger und 
Regierungsvertreter in aller Welt auf, solche Maßnahmen 
zu fördern, die darauf ausgerichtet sind, die Familie als 
Grundeinheit der Gesellschaft zu bewahren und zu 
stärken. D 

Diese Proklamation wurde von Präsident Gordon B. Hinckley als Teil seiner 
Ansprache in der Allgemeinen Versammlung der Frauenhilfsvereinigung 
verlesen, die am 23. September 1995 in Salt Lake City stattgefunden hat. 




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VON FREUND ZU FREUND 



Susan L. Warner 

Zweite Ratgeberin in der PV- Präsidentschaft 

Nach einem Interview mit Rebecca Todd 



In meiner Kindheit und Jugend lebte meine Familie 
in Kalifornien. 1947 fuhren wir zur Hundertjahrfeier 
für die Pioniere nach Salt Lake City. Wir gingen zur 
Weihung des Denkmals „Dies ist der Ort", und ich 
kann mich noch daran erinnern, mit welch besonderem 
Gefühl ich die große Statue von Brigham Young sah 
und die Geschichten der Pioniere hörte, die nach Utah 
gekommen waren. 

Mein Urgroßvater Benjamin Lillywhite war als ganz 
kleiner Junge mit seien Eltern aus England gekommen, 
nachdem sie sich der Kirche angeschlossen hatten. Als 
sie in St. Louis ankamen, starben sein Vater und seine 
kleine Schwester an der Cholera. Seine Mutter hatte 
nicht genug Geld, um für die Weiterreise ins Salt Lake 
Valley einen Wagen zu kaufen, aber sie wollte, daß ihr 
Sohn so bald wie möglich dorthin kam, wo die Heiligen 
sich sammelten. Deshalb schickte sie den sechsjährigen 
Benjamin mit einer anderen Familie mit, und unter ihrer 
Obhut gelangte er zu Fuß dorthin. Ich habe gehört, daß 
er sich Lumpen um die Füße wickelte, als seine 
Schuhe unterwegs völlig abgenutzt waren. Aber 
trotz der Mühen schaffte er den Weg. 

Als Kind habe ich diese Geschichte immer 
und immer wieder gehört. Ich habe von 



der Opferbereitschaft meiner Vorfahren gehört und 
wollte so sein wie sie. Ich wußte, daß der himmlische 
Vater jetzt darauf angewiesen war, daß ich so mutig und 
glaubenstreu war wie sie. 

Wo wir in Kalifornien wohnten, waren mein Bruder, 
ein weiterer Junge und ich an unserer Grundschule die 
einzigen Mitglieder der Kirche. Wir waren als 
Mitglieder der Kirche anders als alle anderen. Statt am 
Samstag vormittag die Cartoons im Kino anzusehen, 
gingen wir zur PV, die damals in unserer Gemeinde am 
Samstag stattfand. Wenn meine Freundinnen am 

In ihrer Jugend, von links: Schwester Warner als Baby; 
als Vierjährige; auf dem Auto der Familie sitzend, von 
ihrem Vater festgehalten; auf einem Pferd, eine ihrer 
Lieblingsbeschäftigungen. 




Sonntag zum Strand fuhren, ging unsere Familie zur 
Kirche. 

Schon von klein auf an wußte ich, daß ich ein 
Vorbild sein mußte, weil die meisten meiner Freunde 
und Nachbarn keine Mitglieder der Kirche waren. Eine 
meiner Lieblingsschriftstellen ist 1 Timotheus 4:12: 
„Niemand soll dich wegen deiner Jugend gering- 
schätzen. Sei den Gläubigen ein Vorbild in deinen 
Worten, in deinem Lebenswandel, in der Liebe, im 
Glauben, in der Lauterkeit." Die Menschen beobach- 
teten meine Familie ständig, weil sie wußten, daß wir 
Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der 
Letzten Tage waren. Ich wußte, daß der himmlische 
Vater darauf angewiesen war, daß ich durch mein 
Beispiel eine Missionarin war. Das gilt für alle PV- 
Kinder. Ihr könnt eurer Familie, euren Freunden und 
allen Menschen, die euch beobachten, ein Vorbild sein. 

Als ich neun Jahre alt war, habe ich etwas Wichtiges 
über den himmlischen Vater und das Beten gelernt. Ich 
liebte Pferde. Manchmal ließen meine Freunde mich 
ihre Pferde reiten, und wir ritten zusammen ohne Sattel 
durch die Orangenhaine. Aber ich wünschte mir so 
sehr ein eigenes Pferd. 

In jenem Jahr wurde in einer Nachbarstadt ein 
neues Geschäft eröffnet. Als Teil der 
Eröffnungsfeierlichkeiten wurde ein 
Pony verlost. Ich machte mit und 



betete jeden Tag, ich möge gewinnen. Der himmlische 
Vater hatte mein Beten immer erhört, und ich war 
sicher, daß er mich auch diesmal erhörte. Ich traf 
schon Absprachen dafür, daß das Pferd auf der Weide 
einer Freundin stehen konnte. Ich schrieb sogar 
meinen Großeltern und erzählte ihnen von dem Pony, 
das mir bald gehören sollte. 

Als die Ziehung stattfand und der Gewinner 
bekanntgegeben wurde, war ich es nicht. Ich war sehr 
enttäuscht und traurig. Liebevoll sagte meine Mutter: 
„Es ist nicht so, daß der himmlische Vater dein Beten 
nicht gehört und erhört hat. Denk daran, wenn du 
betest, erhört der himmlische Vater dein Beten so, wie 
es für dich am besten ist." Der himmlische Vater weiß 
wirklich, was für uns am besten ist. Er liebt einen jeden 
von uns, und er hört und erhört unser Beten. 

In der PV singen wir von den Pionieren. Meine 
lieben Freunde, ihr könnt ein Pionier sein, indem ihr 
vorangeht und anderen ein Beispiel gebt. Ihr bringt der 
Welt Licht und Glück, wenn wir euch mutig für das 
Rechte entscheidet. Eurer Führer lieben euch und 
beten für euch. Der himmlische Vater und Jesus 
Christus lieben euch, und sie zählen auf euch. Ihr seid 
die Pioniere, für die eure Kinder dankbar sein werden 
und deren Beispiel sie nacheifern werden. D 



Das Denkmal „Dies ist der Ort", Mitte. Von 
links: mit 1 Jahren; Susan (rechts) mit 
ihrer Schwester (Mitte) und einer Freundin; 
mit ihrem Mann Terry und ihren 1 
Kindern, 1985. 




OKTOBER 1998 

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Vers 1 gemeinsam singen. Vers 2 kann als Duett gesungen werden. 

Text: Münster 1677 

Musik: Schlesische Weise, arr. von Darwin Wolford, geb. 1936. Arr. © 1989 HLT 

Dieses Lied darf für den gelegentlichen, nichtkommerziellen Gebrauch in der 
Kirche und zu Hause vervielfältigt werden. 



Lehre und Bündnisse 43:34 
Lehre und Bündnisse 110:2—4 



DAS MITEINANDER 



Ich kann jetzt ein Missionar sein 



Sydney Reynolds 




„Ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine 
Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt, zuerst den 
Juden, aber ebenso den Griechen." (Römer 1:16.) 

Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, 
ob ihr gern ein Missionar sein wollt? Wußtet 
ihr, daß ihr schon jetzt ein Missionar sein 
könnt? Ein Missionar liebt den Herrn und seine 
Mitmenschen. Wenn wir unsere Mitmenschen lieben, 
wollen wir ihnen gern vom Evangelium Jesu Christi 
erzählen. 

Im Buch Mormon erfahren wir, wie Ammon ein 
großartiger Missionar wurde (siehe Alma 17-20). Er 
und seine Brüder waren die Söhne von König Mosia, 
und die Nephiten erwarteten, daß einer der Brüder 
nach Mosia König wurde. Aber jeder von ihnen sagte, 
er wolle lieber ein Missionar sein als ein König. 

Ammon reiste in das Land von König Lamoni, einem 
Lamaniten, und erklärte sich bereit, der Knecht des 
Königs zu sein. Weil er treu die Herden des Königs 
hütete und gegen die Feinde des Königs kämpfte, wurde 
er gebeten, dem König und dessen Volk das Evangelium 
zu verkünden. Als der König und die Königin erfuhren, 
daß Jesus Christus kommen und sie von ihren Sünden 
erlösen sollte, waren sie von Freude überwältigt. 
Ammon erfuhr,d aß der Herr jeden willkommen heißt, 
der umkehrt und an ihn glaubt. 

Der Apostel Petrus wußte, daß das Evangelium den 
Sündern helfen kann, aber er war Jude und meinte, es 
wäre falsch, mit jemandem zusammen zu sein, der kein 
Jude war. Kornelius war ein römischer Offizier; die 
Römer hatten das Land der Juden besetzt. Aber 
Kornelius war ein guter Mensch, der das Rechte tun 
wollte. Ein Engel sagte Kornelius, er solle nach Petrus 
schicken, damit Petrus ihm erklärte, was Gott von ihm 
erwartete. Während Petrus auf dem Dach des Hauses 
von Simon, einem Gerber, betete, gab Gott ihm eine 
Vision, um ihm klarzumachen, daß er das Evangelium 
den Menschen aller Länder verkünden sollte. 

Dreimal sah Petrus diese Vision, ehe er bereit war, 
Kornelius von Jesus Christus zu erzählen. Als Petrus 



dann Kornelius unterwies, glaubte der Römer ihm. 
Petrus erfuhr, daß der Herr alle Menschen liebt und sie 
akzeptiert (siehe Apostelgeschichte 10). 

Du kannst wie Ammon und Petrus sein. Du kannst 
schon jetzt ein Missionar sein, indem du nach dem 
Evangelium lebst und allen Kindern des himmlischen 
Vaters Liebe erweist. 

ANLEITUNG 

Nimm die Seite 7 aus der Zeitschrift heraus und kleb 
sie auf dünne Pappe. Schneide die Hintergrundszenen 
aus, und falte sie entlang der gestrichelten Linien. 
Schneide die Figuren aus, und klebe einen etwa 10 
Zentimeter langen Stock hinten auf jede Figur (siehe 
das Beispiel) . Benutz die Szenen und die Figuren, um 
beim Familienabend die Geschichte von Petrus und 
Kornelius zu erzählen (siehe Apostelgeschichte 10). 

ANREGUNGEN FÜR DAS MITEINANDER 

1 . Schreiben Sie verschiedene Situationen auf mehrere 
Blätter Papier, und bitten Sie die Kinder, nachzuspielen, wie 
ein guter Missionar sich verhalten würde. So können die 
Kinder Römer 1:16 besser auf sich beziehen. Mögliche 
Situationen: ein guter Nachbar sein, jemanden, der neu ist, 
mitspielen lassen und ihn in den Freundeskreis aufnehmen, 
einem kleineren Kind in einer gefährlichen Situation helfen, 
im Geschäft und in der Schule ehrlich sein, andere ermu- 
tigen, Substanzen, die unserem Körper und Sinn schaden 
können, zu meiden, einen Freund zu einer Aktivität in der 
Kirche oder der PV einladen. 

2. Zeigen Sie Bilder von Missionaren, Namensschilder, 
Landkarten und Sprachlernbücher. Bitten Sie mehrere 
Kinder im voraus, von Missionarserlebnissen zu erzählen, 
zum Beispiel aus einem Brief eines großen Bruders oder 
einer großen Schwester, die auf Mission sind, die 
Bekehrungsgeschichte eines Vorfahren oder die Begegnung 
ihrer Familie mit den Missionaren. Erinnern Sie sie daran, 
daß wir alle aufgrund irgendeines Missionars Mitglieder der 
Kirche sind. Singen Sie ein Lieblingslied, das mit 
Missionsarbeit zu tun hat, zum Beipsiel „Ich möchte einmal 
auf Mission gehn". D 



KINDERSTERN 

6 



Das Evangelium ist für alle Länder da 

Apostelgeschichte 10 







Was machst du da mit meinem Ball?" 
schrie Rodney Sims mich an. Ich 
stand unter dem großen Baum im 
Park und bewunderte den neuen Football, den 
ich im Gras gefunden hatte. Er kam mit hoch- 
rotem Kopf auf mich zugerannt; man sah ihm an, 
daß er in der Sonne Ball gespielt hatte. 

Ich nickte meinem Freund Frank zu. „Wir sind 
hier bloß gerade mit dem Fahrrad hergekommen 
und haben den Ball gesehen. Ich hatte 
gedacht, jemand hätte ihn verloren." 

„Ich hatte ihn hier liegen lassen", sagte 
Rodney unfreundlich und riß mir den Ball 
aus der Hand und steckte ihn unter den 
Arm. „Es hat ihn niemand verloren, 
und ich will auch nicht, daß jemand 
ihn stiehlt." 



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ERZAHLUNG 



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Der 
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Ball 




Alma J. Yates 

ILLUSTRIERT VON MARK ROBISON 



„Ich habe nicht versucht, ihn zu stehlen", sagte ich 
und stieg wieder auf mein Fahrrad. „Aber es ist ein 
toller Ball. Ich würde meinen Namen draufschreiben, 
damit ich ihn nicht verliere." 
■ „He, willst du den Ball kaufen?" Rodneys Stimme 
klang auf einmal ganz freundlich. Überrascht drehte ich 
mich um. „Ich hab noch einen." Er nickte den Jungen 
zu, die noch Football spielten. „Wenn 
du diesen haben willst, verkaufe 
ich ihn dir." 

Ich legte das Fahrrad wieder 
hin und nahm den Ball - er 
paßte genau in meine Hand. 
Ich hatte in dem 
Sportgeschäft bei uns in der 
Nachbarschaft einen 
solchen Ball gesehen. Ich 





hatte mir einen solchen Ball gewünscht, aber er kostete 
10 Dollar. 

„Er gefällt mir", sagte ich, nahm den Ball fest in die 
Hand, beugte den Arm und tat so, als wollte ich einen 
Paß werfen. Dann gab ich Rodney den Ball zurück und 
sagte: „Aber ich habe keine 10 Dollar." 

Rodney rollte den Ball in der Hand und studierte ihn 
dabei. „Ich verkauf ihn dir für 5 Dollar." 

„Fünf Dollar?" 

„Ich hab ja noch einen Ball, deshalb brauche ich 
diesen sowieso nicht." 

Mir schössen viele Gedanken durch den Kopf. Ich 
hatte zu Hause in meiner Schublade 4 Dollar, und 
einen Dollar konnte ich von meiner kleinen Schwester 
Stephanie borgen. Ich fuhr mir mit der Zunge über die 
Lippen und griff wieder nach dem Ball und suchte nach 
Mängeln, aber ich fand keine. 




„Ich müßte das Geld von zu Hause holen", sagte ich 
und griff nach meinem Fahrrad. „Das dauert 15 bis 20 
Minuten." 

„Ich bin ja noch hier. Aber er kostet 5 Dollar. Es gibt 
kein Geld zurück, und ich nehme den Ball auch nicht 
zurück." 

Ich fuhr so schnell nach Hause, daß Frank kaum 
mitkam. Stephanie erklärte sich bereit, mir den einen 
Dollar zu leihen, und ich griff nach den 4 Dollar in 
meiner Schublade. 

„Überleg dir das gut", sagte Frank warnend, als ich 
aus der Haustür gerannt kam und nach meinem 
Fahrrad griff. Er stand noch mit seinem Fahrrad in der 
Einfahrt. 

„Was meinst du mit Überlegen? So ein Geschäft 
mache ich nie wieder! Fünf Dollar, Frank, und der Ball 
ist 10 wert! Soviel müßte ich im Sportgeschäft dafür 
bezahlen. Das kann ich mir nicht entgehen lassen." 

„Irgendetwas ist da faul, Joshua", warnte er mich 
noch einmal. „War Rodney jemals nett zu dir?" Ich 
dachte kurz nach und schüttelte den Kopf. „Weshalb tut 
er dir dann plötzlich einen so großen Gefallen?" 

„Er hat ja noch einen Football, und diesen braucht er 
nicht. Ich helfe ihm doch bloß", erwiderte ich störrisch. 

„Mit dem Ball ist irgend etwas faul. Vielleicht ist ein 
winziges Loch drin. Hast du daran schon gedacht?" 

„Ich hab mir den Ball genau angesehen, Frank. Er ist 
brandneu. Mit dem ist alles in Ordnung." 

„An deiner Stelle würde ich ihn nicht kaufen, 
Joshua." 

Ich starrte meinen Freund an. „Du bist doch bloß 
neidisch, weil er ihn nicht dir verkauft. Ich hole mir 
den Ball, ehe Rodney seine Meinung ändert." 

Rodney wartete im Park mit einem seiner Freunde 
unter dem Baum auf mich. Die anderen waren 
gegangen. Er hatte den neuen Ball und noch einen, der 
abgegriffen aussah. Ich hielt ihm das Geld hin, und er 
griff eilig danach. Sobald er sicher war, daß es alles da 
war, gab er mir den Football. „Du hast dir gerade einen 
Ball gekauft", sagt er. Er lachte und schlug seinem 
Freund auf die Schulter. „Komm, wir hauen ab." 

Ich hielt den Ball in der Hand und sah zu, wie die 
beiden wegrannten. Sie grinsten sich gegenseitig an, als 
sie noch einmal über die Schulter zu mir zurück- 
blickten. Ich wurde etwas unsicher. Franks Warnung fiel 



mir ein. Vielleicht war mit dem Ball wirklich etwas 
nicht in Ordnung. Ich warf ihn ein bißchen in die Luft. 
Er fühlte sich gut an. Ich drückte ihn, um zu sehen, ob 
er Luft verlor. Er schien fest genug. Auch wenn mit dem 
Ball etwas nicht in Ordnung war, wußte ich jedenfalls 
nicht, was. 

In den nächsten beiden Tagen spielten meine 
Freunde und ich mit dem neuen Ball. Es wurde unser 
Lieblingsball. Er verlor nicht das kleinste bißchen Luft. 
Er war brandneu, so wie er aussah. Ich lachte Frank 
aus, weil er mich gewarnt hatte, und fragte ihn, ob er 
sich wünschte, er hätte 5 Dollar gehabt. Er schüttelte 
den Kopf, aber ich hatte das Gefühl, daß er immer noch 
neidisch war. 

Als ich an einem Nachmittag auf unserer 
Vordertreppe saß und meinen Ball in die Luft warf und 
wieder fing, kam er mit dem Fahrrad vorgefahren. Er 
sah ernst aus. „Ich habe etwas über deinen Ball 
erfahren", sagte er. 

Ich grinste. „Machst du dir immer noch Gedanken 
wegen dem Ball, Frank?" 

Frank lächelte nicht. „Mein Bruder Derek kennt 
einen von Rodneys Freunden. Er sagt, Rodney hätte 
den Ball gestohlen." 

„Was meinst du mit gestohlen?" 

„Rodney hat ihn im Sportgeschäft gestohlen. Ein 
paar seiner Freunde haben für ihn Schmiere gestanden, 
aber er hat ihn aus dem Laden mitgenommen. Deshalb 
wollte er ihn verkaufen." 

Ich hatte das Gefühl, Frank hätte mir in den Magen 
geboxt. Ich sah den Football an. „Vielleicht ist es nicht 
derselbe Ball", erwiderte ich und spürte, wie ich wütend 
wurde. 

„Rodney hat an dem Nachmittag, an dem du den 
Ball gekauft hast, genau so einen Ball gestohlen. Es ist 
schon derselbe." 

„Jedenfalls habe ich ihn nicht gestohlen", stieß ich 
aus. „Ich habe ihn bezahlt, also ist es nicht mein 
Problem. Und ich habe nicht gewußt, daß er gestohlen 
war, als ich ihn Rodney abgekauft habe. Er ist der Dieb, 
nicht ich." 

Frank zuckte mit den Schultern und wandte sich ab. 
„Ich wollte dir bloß Bescheid sagen." 

Ich war wütend auf ihn, weil er mir von Rodneys 
Diebstahl erzählt hatte, schließlich mochte ich den Ball 



KINDERSTERN 

10 



und wollte ihn behalten. „Willst du es jemandem 
sagen?" schrie ich hinter ihm her. Er drehte sich um 
und starrte mich an. Langsam schüttelte er den Kopf. 
Nachdem er gegangen war, legte ich den Ball weg. 
Als Stephanie mich fragte, ob ich mit ihr 
Zuwerfen spielen wollte, sagte ich nein. 
Ich sagte mir immer und immer 
wieder, daß der Ball mir gehörte, mit 
vollem Recht, und daß ich nichts 
Falsches getan hatte. Aber ich hatte 
kein gutes Gefühl dabei. Ich wollte 
nicht einmal mehr mit dem Ball 
spielen. Und ich sagte auch meinen 
Eltern nichts von dem, was Frank mir 




erzählt hatte. Sie hatten es nicht so gut gefunden, daß 
ich mir von Stephanie den einen Dollar geliehen hatte, 
aber sie hatten es mir überlassen. 

Am nächsten Tag suchte ich nach Rodney. Er fuhr 
gerade mit dem Fahrrad mit einigen seiner Freunde über 
den Parkplatz an der Schule, als ich ihn fand. Ich ging 
auf ihn zu und hielt ihm den Football hin. „Ich will 
meine 5 Dollar zurück!" 

Er sah den Ball an und dann mich. „Ich habe dir 
doch gesagt, es gibt nichts zurück. Außerdem habe 
ich das meiste Geld schon ausgegeben. Außerdem", 
und er zeigte auf den Ball, „sieht er ja nicht mal 
mehr neu aus." 

„Du hast den Ball gestohlen", zischte ich. 




Das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht. Er 
sprang vom Fahrrad und ließ es zu Boden fallen, dann 
hielt er mich am Hemd fest und zog mich auf sich zu. 
„Wer hat dir das gesagt?" 

„Das wissen einige", sagte ich keuchend. „Ich will 
keinen gestohlenen Ball." 

„Lauf hier bloß nicht rum und plapper was davon, ich 
hätte den Ball gestohlen, sonst kriegst du Schwierigkeiten. 
Niemand kann beweisen, daß ich ihn gestohlen habe. 
Außerdem ist es dein Ball. Du hast ihn bezahlt." 

„Ich will ihn nicht mehr." 

„Das ist dein Problem. Wenn du ihn nicht willst, wirf 
ihn doch weg." Er stieß mich noch einmal fest, stieg auf 
sein Fahrrad und fuhr mit seinen Freunden weg. 

Langsam verließ ich den Parkplatz. Ich hatte den 
Football, der mir so wichtig gewesen war, in der Hand. 
Jetzt erinnerte er mich eiskalt an eine unehrliche 
Handlung. Ich sah den Müllcontainer in der Ecke des 
Parkplatzes und überlegte, ob ich den Ball wegwerfen 
sollte. Aber das konnte ich nicht. Ich hatte 5 Dollar 
dafür bezahlt, und außerdem schuldete ich Stephanie 
immer noch einen Dollar. Ich konnte ihn nicht einfach 
wegwerfen. 

Ich versuchte mir einzureden, ich hätte ja gar nichts 
Falsches getan. Als ich den Ball gekauft hatte, hatte ich 
gar nicht gewußt, daß er gestohlen war. Ich hatte ihn ja 
auch gar nicht geklaut. Ich hatte sogar versucht, ihn 
Rodney zurückzugeben. Was sollte ich sonst tun? Sollte 
ich meine 5 Dollar verlieren, bloß weil Rodney etwas 
Falsches getan hatte? 

Ich schüttelte den Kopfe. Alle meine Ausreden 
nahmen mir nicht die Übelkeit und die Schuldgefühle. 
Ich dachte an das Sportgeschäft. Ich war immer gern 
hingegangen und hatte mich dort umgesehen. Jetzt 
dachte ich jedes Mal, wenn ich vorbeikam, an den 
gestohlenen Football. Und selbst wenn ich den Ball 
nicht gestohlen hatte, fehlte dem Laden immer noch 
ein Ball. Und ich hatte ihn. Ich wußte, was meine 
Eltern sagen würden, und ich wußte, ich würde mich 
erst wieder besser fühlen, wenn ich es tat. 

Ich ging nach Hause, stieg auf mein Fahrrad und 
fuhr in die Stadt. Es war hart, in den Laden zu gehen. 
Ich fragte nach dem Manager, Mr. Turley. Einer der 
Verkäufer sagte, er sei hinten in seinem Büro. 

„Hallo, Joshua", begrüßte Mr. Turley mich, als ich in 
sein Büro kam. „Was kann ich für dich tun?" 

Ich legte den Football mitten auf seinen Schreibtisch 
und starrte ihn an. „Dieser Ball ist aus Ihrem Laden 
gestohlen worden", sagte ich leise. „Ich habe ihn aber 
nicht gestohlen", fügte ich rasch hinzu. Dann erzählte 
ich ihm die ganze Geschichte. 




„Es ist also nicht mein Ball", schloß ich. „Sie wollen 
ihn ja vielleicht auch nicht zurückhaben, weil er 
gebraucht ist und ich außerdem mit einem schwarzen 
Marker meinen Namen draufgeschrieben habe." 

Mr. Turley lehnte sich in seinem Stuhl zurück und 
legte die Hände hinter den Kopf. Er dachte lange nach, 
ohne etwas zu sagen. Schließlich lehnte er sich wieder 
nach vorn und nahm den Ball vom Schreibtisch und 
rollte ihn in der Hand hin und her. „Joshua, als erstes 
will ich dir dies sagen: Ich freue mich, daß du den Mut 
hattest, herzukommen. Das war sicher nicht einfach." 
Ich schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen. „Es ist 
nicht immer einfach, völlig ehrlich zu sein. In diesem 
Fall hat es dich 5 Dollar gekostet. Und du hattest den 
Ball nicht einmal gestohlen. Aber Ehrlichkeit ist wich- 
tiger als dieser Football oder das Geld, das du dafür 
ausgegeben hast." 

Mr. Turley lächelte mich an. „Ich will versuchen, es 
dir diesmal etwas leichter zu machen, ehrlich zu sein. 
Ich habe hier Arbeit für dich, mit der du den Ball abbe- 
zahlen könntest." 

„Sie meinen, ich kann ihn behalten?" 

Mr. Turley lächelte. „Komm morgen früh her." 
Grinsend drehte ich mich um und ging zur Tür. Die 
schrecklichen Schuldgefühle waren verschwunden. 
„He, Joshua", rief Mr. Turley mir noch zu. Ich drehte 
mich wieder um. Er lachte und warf mir den Ball zu. 
„Nimm ihn lieber mit, ehe jemand anders damit 
verschwindet!" D 



KINDERSTERN 

12 



DAS MACHT SPASS 



Krabbelsack mit 
Geschichten aus dem 
Alten Testament 

Vivian Paulsen und Corliss Clayton 

Um dieses Spiel mit Geschichten aus der Bibel 
spielen zu können, mußt du diese Seite aus dem 
Kinderstern heraustrennen. Kleb die Bilderkarten auf 
dünne Pappe, schneide sie aus, und leg sie in eine 
kleine, feste Tüte. Der erste Spieler zieht eine Karte 
aus der Tüte und erzählt die Geschichte aus dem 
Alten Testament, an den die Karte ihn erinnert. Es 
gibt keine falschen Antworten, aber der Spieler muß 
die Geschichte erzählen, an die die Karte ihn erinnert. 
Eine Karte vom Meer kann einen Mitspieler beispiels- 
weise an die Teilung des Roten Meeres, an Noach und 
die Arche oder an die Schöpfung erinnern. Wenn dem 
Mitspieler nichts einfällt, können die anderen ihm 
helfen. Spielt so lange, bis zu jeder Karte wenigstens 
eine Geschichte erzählt worden ist. D 





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REGENBOGEN 



OKTOBER 

13 



9 9 8 



FREUNDE IN ALLER WELT 



Arietana aus 
Kiribati 




Joyce Findlay 

FOTOS VON DER AUTORIN 



Das Leben kann sehr einfach 
sein, wenn man auf einer 
winzigen Insel mitten im 
Pazifischen Ozean lebt. Der zehnjährige 
Arietana lebt auf der Insel Buota in 
dem Staat Kiribati (ausgesprochen: 
Kiribas) in einem Haus, das aus 
Kokospalmen gebaut ist. Arietana liebt 
seine Inselheimat; er kann zu Fuß zur 
Kirche und zur Schule gehen, und er 
kennt jeden in dem kleinen Dorf. 

Er und seine Freunde basteln sich gern ihr Spielzeug 
selbst. Arietana und sein Bruder, der neunjährige 
Ienratu, machen sich aus Dosen und Holzstücken 
Autos und Boote. Sie machen sich aus den Blättern der 
Kokospalme Spielzeug, das Geräusche macht und pfeift. 
Manchmal bastelt Arietana für seine vierjährige 
Schwester Tiareni Windmühlen, mit denen sie umher- 
laufen und spielen kann. 

Arietanas Vater, Beniera, ist es sehr wichtig, daß 
seine Kinder das Evangelium lernen, damit sie starke 
Mitglieder der Kirche sein können. Sie haben jeden 
Morgen und jeden Abend bei sich zu Hause eine kurze 
Familienandacht. Außerdem freuen sie sich, wenn sie 
sonntags zur Kirche gehen können. Sie sind Mitglieder 
des Zweigs Rawannawi und kommen häufig als erste 




KIND 



zur Kirche. Arietanas Mutter, 
Katangiman, ist die FHV-Leiterin, 
deshalb paßt Arietana oft auf seine 
Schwestern Tiareni und Nei Mwa auf, während sie 
ihren Aufgaben nachgeht. 

Arietana erzählt gern von dem besonderen 
Gemeindehaus des Zweiges. „Unser Gemeindehaus ist 
ein maneaba - es ist aus Kokospalmen gebaut. An den 
Seiten ist es offen, und es hat ein strohgedecktes Dach. 
Jeder sitzt auf geflochtenen Matten auf dem Fußboden", 
erklärt er. Nach der Abendmahls Versammlung treffen 
sich die Kinder in einer kleinen Hütte neben dem 
maneaba. 

„Ich gehe gern in die PV", sagt Arietana. „Wir 
singen, und wir lernen Geschichten aus den heiligen 
Schriften." Seine Lieblingsperson im Buch Mormon ist 
Nephi. Er mag die Geschichte davon, wie Nephis Bogen 
kaputtging und er sich einen neuen machen mußte, 

ERSTERN 

14 



damit seine Familie etwas zu essen hatte. Er und die 
übrigen Kinder in der PV lernen das Lied „Ich bin ein 
Kind von Gott" auf englisch. 

Kiribati ist ein Land mit vielen kleinen Inseln und viel 
Meer. Buota ist Teil des Tarawa- Atolls. Der Pazifische 
Ozean befindet sich auf der einen Seite der Insel, und 
auf der anderen Seite ist eine große Lagune. Ein Atoll ist 
eine Kette kleiner Inseln, die so nah beieinander liegen, 
daß sie einen Kreis oder Halbkreis bilden. In dem Kreis 
liegt eine Lagune; außerhalb des Kreises befindet sich der 
Ozean. Die meisten Inseln in dem Atoll sind lang und 
schmal, deshalb kann man auf der Insel stehen und 
sowohl den Ozean als auch die Lagune sehen. Da die 
Inseln so nah beieinander liegen, gibt es zwischen ihnen 
manchmal Brücken oder Deiche. Die Insel Buota hat an 
einem Ende eine Brücke, die sie mit der Insel im Süden 
verbindet, aber zur nächsten Insel im Norden muß man 
durch das Wasser waten oder mit dem Kanu fahren. 






Arietana lebt nah am Äquator, deshalb ist es jeden 
Tag heiß, und der Ozean ist sehr warm. Die Kinder 
verbringen viel Zeit im Wasser; sie schwimmen und 
fischen, oder sie spielen einfach. Arietana fischt gern, 
und er gräbt gern im Sand nach Muscheln. „Einmal 
habe ich genug Fische für unser Abendessen gefangen", 
erzählt er. „Mein Vater war sehr überrascht, daß ich so 
viele gefangen hatte. Wenn ich fischen gehen will, 
suche ich mir einen kleinen Einsiedlerkrebs als Köder; 
dann werfe ich von der Brücke die Angel aus und 
warte, bis die Fische anbeißen." 

Arietana gehört zu einer Tanzgruppe, die die tradi- 
tionellen Volkstänze von Kiribati lernt. Die Jungen und 
Mädchen in seinem Land sind noch sehr jung, wenn sie 
anfangen, die wunderschönen Sitz- und Stehtänze zu 
lernen, die zu ihrem Leben gehören. In vielen der 
Tänze bewegen sie die Arme anmutig auf eine Weise, 
die an fliegende Vögel erinnert. Wenn Arietanas 
Tanzgruppe auftritt, tanzen einige der Kinder, während 
die anderen singen oder auf einer großen Holzkiste den 
Rhythmus trommeln. 



Unten: Arietana und seine 
Familie vor ihrem Haus, das aus 
einheimischen Kokospalmen 
gebaut ist. Mitte: Arietana fischt 
gern. Rechts: Arietana am Kanu 
seiner Familie, das für 
Transportzwecke und zum 
Fischen benutzt wird. 




Die Matte, die Arietana und die anderen Jungen 
beim Tanzen als Kostüm tragen, heißt Te Burebure. 
Arietanas Mutter hat seine Tanzmatte und seinen 
Armschmuck selbst gemacht. Er tanzt gern, vor allem 
wenn seine Gruppe vor den Eltern auftritt oder wenn 
sie zu besonderen Anlässen wie einer Geburtstagsfeier 
oder einem Feiertag das Dorf vertritt. 

Arietanas Mutter sagt, er könne gut arbeiten und 
helfe bereitwillig im Haushalt mit. Sie erklärt: „Jeden 
Morgen fegt er die Blätter im Hof zusammen, und 
abends holt er die Moskitonetze herunter und legt die 
Schlafmatten zurecht." Arietana fügt hinzu, daß er auch 
gerne kocht. „Ich helfe gern beim Zubereiten der 
Mahlzeiten mit; manchmal läßt meine Mutter mich 
unser Trinkwasser abkochen oder den Reis für das 
Abendessen kochen." Er erklärt weiter: „Am liebsten 
mag ich Fisch, Brotfrucht und Reis." 

Jeden Morgen machen Arietana und Ienratu vor 
der Schule Lauftraining. Arietana läuft gern; er 
möchte wie sein Vater ringen lernen, der Vater war 
schon zweimal Landesmeister im Ringen. Manchmal 
macht die Familie einen Ausflug zum Flughafen, wo 
Arietanas Vater als Sicherheitsbeamter tätig ist. 

Wie bei vielen Familien in Kiribati wohnen 
Arietanas Verwandte nah beieinander; seine Tanten 
und Onkel und seine Großmutter wohnen ganz in 
der Nähe. Aufgrund dieser Nähe haben Arietana und 
die übrigen Kinder viele Vettern und Kusinen, mit 



denen sie spielen können. Die Verwandten können 
einander auch leicht helfen. Die Menschen in 
Kiribati finden es sehr wichtig, allen Verwandten zu 

helfen. 

Eins der aufregendsten Erlebnisse in Arietanas 
Leben war der Besuch von Eider L. Tom Perry. Er 
weihte Kiribati für die Missionsarbeit und gründete 
dort den ersten Pfahl. Arietanas ganze Familie fuhr 
nach Eita, um dabei zu sein. Sie waren begeistert, weil 
sie einen Apostel des Herrn sehen und hören 
konnten. Sogar der Präsident von Kiribati kam, um 
Eider Perry sprechen zu hören! 

Arietana spricht eine Sprache, die l-Kiribati genannt 
wird, und wie alle übrigen Bewohner seiner Insel hat er 
nur einen Namen. Wenn er für offizielle Zwecke einen 
zweiten braucht, hängt er seinem Namen den Namen 
seines Vaters an. Arietanas Vater heißt Beniera, also 
würde sein vollständiger Name Arietana Beniera 
lauten. Aber sein Großvater heißt Koneteti, deshalb 
heißt sein Vater Beniera Koneteti. 

Arietana wurde von seinem Vater im Ozean getauft. 
Er sagt, er sei sehr glücklich, ein Mitglied der Kirche zu 
sein. Auf die Frage, was er machen will, wenn er groß 
ist, antwortet er: „Ich möchte auf Mission gehen wie 
mein Vater und Fischer sein." 

Wenn sein Zeugnis weiterhin wächst, werden seine 
Netze sicher immer voll sein. D 



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Man muß schon rennen, um 
mit Tiareni, Ienratu und 
Arietana Schritt zu halten. 
Ihre Begeisterung für das 
Leben ist so groß wie ihre 
Liebe zum Evangelium. 



KINDERSTERN 

16 



BESUCHSLEHRBOTSCHAFT 



DIE CELESTIALE EHE 



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Präsident Brigham Young hat 
über die celestiale Ehe gesagt: 
„Sie bildet die Grundlage für 
die Welten, . . . dafür, daß die intelli- 
genten Wesen mit Herrlichkeit, mit 
Unsterblichkeit und mit ewigen 
Leben gekrönt werden. Tatsächlich ist 
sie der Faden, der sich von Anfang bis 
Ende durch das heilige Evangelium 
von der Errettung . . . hindurchzieht." 
(Lehren der Präsidenten der Kirche: 
Brigham Young [1997], 163.) Das ist 
deshalb so, weil es uns darauf vorbe- 
reitet, den höchsten Grad der 
Herrlichkeit im celestialen Reich zu 
erlangen, wenn wir den neuen und 
immerwährenden Bund der Ehe 
annehmen und einhalten (siehe 
LuB 131:1-3). 

SO LEBEN, DASS WIR EINER EWIGEN 
EHE WÜRDIG SIND 

Eine celestiale Ehe beginnt damit, 
daß man im Tempel heiratet. Leider 
kann nicht jeder, der sich eine 
Tempelehe wünscht, diese Segnung 
sofort erhalten. Präsident Gordon B. 
Hinckley hat allerdings einmal gesagt: 
„Ich bin sicher, daß gemäß dem Plan 
unseres liebenden Vaters und des 
göttlichen Erlösers niemandem eine 
Segnung, derer er würdig ist, für 
immer verwehrt bleiben wird." (Der 
Stern, Januar 1992, 92.) 

Der Herr weiß um unsere 
Würdigkeit und um die Wünsche 
unseres Herzens, und er segnet uns 
für unsere Glaubenstreue. 

Andererseits müssen diejenigen, 
die die Möglichkeit haben, im Tempel 
zu heiraten, ihre Tempelbündnisse 
einhalten, um das, was ihnen dort 
verheißen wurde, auch zu erlangen. 
Eider Bruce R. McConkie vom 



Kollegium der Zwölf Apostel hat 
erklärt: „Die celestiale oder ewige Ehe 
ist das Tor zur Erhöhung. Um . . . 
ewiges Leben zu erlangen, müssen 
ein Mann [und eine Frau] in 
diese Ordnung der Ehe eintreten und 
alle Bündnisse und Verpflichtungen, 
die damit einhergehen, einhalten." 
(Doctrinal New Testament Commentary, 
3 Bände [1966-73], 1:547.) 

EIN EWIGER BUND MIT ZEITLICHEN 
SEGNUNGEN 

Die Tempelehe ist zwar mit 
Verheißungen für die Ewigkeit 
verbunden, aber Mann und Frau 
brauchen nicht auf die Ewigkeit zu 
warten, um die Segnungen einer 
celestialen Ehe zu erlangen. Es sind 
auch viele zeitliche Segnungen damit 
verbunden, wenn man sich auf die 
Eheschließung im Tempel vorbereitet 
und sie vollzieht. Vor etwa acht 
Jahren verlor Lee Hing Chung aus 
Hongkong bei einem Arbeitsunfall 
einen Arm. Dadurch verlor er auch 
seine Arbeit; er wurde krank und war 
deprimiert. Aber heute ist sein Herz 
von Glauben erfüllt, wenn er daran 
denkt, wie er im Tempel an seine 
Frau Kumviengkumpoonsup und ihre 
Kinder gesiegelt wurde. 

„Ehe wir uns der Kirche ange- 
schlossen haben, war mein 
Hauptanliegen, Geld zu verdienen", 
erzählt er. „Heute habe ich andere 
Prioritäten. . . . Wenn ich am Sonntag 
mit meiner Familie zur Kirche gehe, 
bin ich so dankbar dafür, daß wir 
zusammen sind und für immer 
Zusammensein können. . . . 
Der Tempel erinnert mich 
daran, gut zu sein, diszi- 
pliniert zu sein, würdig 



zu sein." (Zitiert in Kellene Ricks 
Adams, „Hongkong: Ein Traum wurde 
wahr", Der Stern, März 1997, 38.) 

Gewiß ist eine starke Ehe auch 
möglich, ohne daß die Bündnisse 
des Tempels den Mann und die 
Frau in ihrer Verpflichtung fürein- 
ander zusammenhalten. Aber die 
Tempelehe eröffnet den Blick auf 
die Ewigkeit und mehr göttlichen 
Beistand als eine standesamtlich 
geschlossene Ehe. Eider Bruce C. 
Hafen von den Siebzigern nennt die 
Tempelehe einen Ehebund und sagt: 
„Wenn die Partner eines Ehebundes 
in Schwierigkeiten geraten, arbeiten 
sie gemeinsam daran. Sie heiraten, 
um zu geben und zu wachsen, sie 
sind durch einen Bund miteinander, 
mit dem Gemeinwesen und mit Gott 
verbunden." („Die Ehe als Bund", 
Der Stem, Januar 1997, 25.) 

• Was müssen wir tun, um des höch- 
sten Grades der celestialen Herrlichkeit 
würdig zu sein? 

• Inwiefern schützt der Ehebund uns 
in der heutigen Welt? D 




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DU SOLLST 



NICHT STEHLEN 



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Richard D. Draper 




Das achte Gebot verbietet 
alle Formen des Diebstahls. 
Das Gesetz des Herrn lehrt 
uns die positive Seite dieses 
Gebots: Achtung vor den 
Rechten, dem Eigentum und 
den Bedürfnissen anderer. 



Als mein Kollege das zerbrochene Fenster 
seines Autos sah, wurde ihm übel. Das Gefühl 
rührte nicht bloß daher, daß er wußte, daß er 
eine neue Fensterscheibe brauchte, sondern 
eher daher, daß das Ergebnis jahrelanger Arbeit vielleicht 
verloren war. Einen Augenblick später hatte seine 
Befürchtung sich bewahrheitet; jemand hatte seinen 
Aktenkoffer gestohlen. 

Er war Professor und sollte in einer großen Stadt einen 
Vortrag halten. Er war später als erwartet dort ange- 
kommen und hatte in einer kleinen Seitenstraße in 
einiger Entfernung von dem Vorlesungsgebäude geparkt. 
Um seinen vollgestopften Aktenkoffer nicht mitnehmen 
zu müssen, hatte er nur die Vorlesungsnotizen mitge- 
nommen und den schäbigen Aktenkoffer auf dem 
Autositz zurückgelassen. Er sah so abgenutzt aus und 
enthielt nichts, was materiellen Wert hatte, deshalb 
hatte der Professor sich sicher gefühlt. Leider hatte er 
sich geirrt. 

Gott gewährte seinen Kindern die Freiheit, die Frucht 
ihrer Arbeit zu schaffen und zu genießen. Adam 
lernte, „sein Brot im Schweiße seiner Stirn zu essen", 
nicht im Schweiße eines anderen, „und auch Eva, 
seine Frau, arbeitete mit ihm". 




Es ging mir zu Herzen, als er mir 
später von seiner Enttäuschung und 
seinem Kummer angesichts des Verlusts 
erzählte. Der alte Aktenkoffer hatte die 
Ergebnisse von Hunderten von zurück- 
gelegten Kilometern, der Arbeit von 
mehreren tausend Dollar an Stipendien, 
das Ergebnis von monatelanger Forschungsarbeit, 
Analyse, Nachsinnen und Schreiben enthalten. Das 
Papier in dem Aktenkoffer hatte für niemanden sonst 
irgendeinen materiellen Wert gehabt. Aber was der Dieb 
wahrscheinlich empört weggeworfen hatte, war ein 
wertvoller Teil des Lebens eines anderen Menschen 
gewesen. 

Das ist bei einem Diebstahl häufig so - es wird mehr 
gestohlen als materielle Güter. Wenn jemand das achte 
Gebot übertritt, verlieren die Opfer nicht nur ihren 
inneren Frieden, sondern auch etwas an Eigentum, das 
einen Teil ihres Lebens darstellt. 

DIE BEDEUTUNG DES ACHTEN GEBOTS 

Der Auftrag Gottes an Israel in diesem Gebot ist im 
Hebräischen direkt und eindrucksvoll: lo tignov, „du sollst 
nicht stehlen". Tignov stammt aus der Wurzel ganav, was 
soviel wie „ein Dieb sein" oder „stehlen" bedeutet. Dieses 
Wort impliziert auch Betrug und Heimlichkeit. Im grie- 
chischen Text des Alten Testaments ist das Hebräische 
mit dem Wort klepto wiedergegeben. Klepto bedeutet, wie 
das hebräische ganav, daß jemand heimlich und gerissen 
etwas an sich nimmt, das von Rechts wegen einem 
anderen gehört. Veruntreuung und widerrechtliche 
Aneignung sind gute Beispiele für diese Form von 
Diebstahl. Begriffe wie täuschen und betrügen gehören zur 
Vorgehensweise eines Diebs. 



OKTOBER 

27 



19 9 8 



Aber was ist, wenn jemand etwas mit Gewalt an 
sich nimmt? Eng verwandt mit dem hebräischen ganav 
ist das Wort gasal, „rauben". Es trägt die Bedeutung 
Konfrontation, Gewalt oder Androhung von Schaden in 
sich. Gott hat geboten: „Du sollst deinen Nächsten nicht 
ausbeuten und ihn nicht um das Seine bringen." 
(Levitikus 19:13.) Für den Herrn schließt Stehlen das 
Ausbeuten, Plündern, Berauben und andere Formen der 
widerrechtlichen Aneignung ein. 

Die Bibel legt Nachdruck darauf, daß das Stehlen zur 
selben Art von Sünde gehört wie Mord, Ehebruch und 
Meineid. Alle diese stehen in direktem Zusammenhang, 
und der Diebstahl ist etwas, was sie alle miteinander 
gemein haben; wer mordet, nimmt einem anderen auf 
unrechtmäßige Weise das Leben, Ehebruch nimmt dem 
anderen die Tugend, und ein Meineid nimmt ihm den 
guten Ruf oder etwas von seinem Besitz. 

Der Satz „du sollst nicht stehlen" (Exodus 20:15) 
schließt keinen bestimmten Gegenstand ein. Das Verbot 
ist umfassend und bedingungslos: Du sollst überhaupt 
nichts stehlen. In einer Zeit, in der die Sklavenhaltung 
allgemein üblich war, legte der Herr mit diesem Gesetz 
nicht nur den Schutz des Eigentums fest, sondern er 
schützte auch die Menschen davor, unrechtmäßig festge- 
halten zu werden (siehe Exodus 2L16). 1 

Da das Gebot so umfassend ist, bedeutet es auch, daß 
man einen anderen nicht fahrlässig berauben darf. In der 
Tat lehrt die Bibel, daß man sich auch durch 
Fahrlässigkeit an einem Verbrechen mitschuldig macht. 
Der wahre Jünger Christi muß selbst einem Fremden ein 
guter Mitmensch sein (siehe Deuteronomium 22:1-4) 
und muß einem Mitmenschen, der in Not ist, auch dann 
helfen, wenn dies schwierig ist (siehe Sprichwörter 
24:10-12). Ein Gelehrter, der diese drei Verse in den 
Sprichwörtern besprach, meinte: „Der bezahlte Knecht, 
nicht der wahre Hirt, macht schlechte Bedingungen 
[Vers 10], hoffnungslose Aufgaben [Vers 11] und 
verzeihliche Unwissenheit [Vers 12] geltend; die Liebe 
läßt sich nicht so leicht mundtot machen - auch der 
Gott der Liebe nicht." 2 In einer Erörterung dessen, was 
Unterlassungssünden sind, meinte Eider Spencer W. 
Kimball, der damals noch dem Kollegium der Zwölf 
Apostel angehörte: „Nicht nur sollen wir nicht stehlen, 
sondern wir sollen das Eigentum des anderen 
schützen." 3 



DREI WICHTIGE GRUNDSÄTZE 

Die genaue Betrachtung des achten Gebots führt uns 
zu drei Grundsätzen, die uns klarmachen, warum das 
Stehlen sowohl eine Sünde als auch ein Verbrechen ist. 

Erstens legt das Gebot das Recht auf Privatbesitz fest, 
womit es eine nötige Lebensverantwortung schützt. 
Präsident Ezra Taft Benson hat erklärt: „Es kann keine 
Freiheit geben, solange man nicht in seinem Recht auf 
Besitz gesetzlich geschützt ist und das Gesetz einen vor 
dem Verlust oder die Vernichtung des Eigentums schützt. 
Wenn man dieses Recht wegnimmt, ist der Mensch zum 
Sklaven degradiert. Der frühere Richter am obersten 
Gericht der USA, George Sutherland, hat das 
folgendermaßen zum Ausdruck gebracht: ,Wenn man 
jemandem die Freiheit schenkt, ihm aber sein Eigentum 
nimmt, das die Frucht und das äußere Zeichen seiner 
Freiheit ist, bleibt er immer noch ein Sklave.'" 4 

Gott hat seine Kinder auf einen Thron gesetzt, als er 
ihnen durch Adam die Herrschaft über die Erde über- 
trug. Dabei gewährte er ihnen die Freiheit, die Frucht 

Zu Noachs Zeit erfüllten geheime Verbindungen - 
mittels derer diejenigen, die im Finstern wirkten, 
durch Mord und Diebstahl Gewinn erlangen wollten - 
die Erde mit Gewalttätigkeit. Deshalb sandte der Herr 
die Flut und tilgte die Schlechten aus. 






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ihrer Arbeit zu schaffen und zu genießen. 
Adam lernte, „sein Brot im Schweiße seiner 
Stirn zu essen", nicht im Schweiße eines 
anderen, „und auch Eva, seine Frau, arbei- 
tete mit ihm" (Mose 5:1; Hervorhebung 
hinzugefügt) . 

Zweitens zeigt uns das achte Gebot, 
daß Gott - und nicht die Menschen oder 
der Staat - die Quelle des Rechts auf 
Privatbesitz ist. Alle Gebote haben in ihm 
ihren Ursprung. Er legt, als der souveräne Herr, der 
Schöpfer des Himmels und der Erde, die Gesetze fest, die 
sein Reich regieren (siehe LuB 88:34-42). Die Erde 
gehört ihm, und er hat beschlossen, daß die Menschen 
daran Anteil haben. Allerdings muß jeder sich dabei an 
seine göttlichen Gesetze halten. 

Drittens handelt jeder, der stiehlt, gegen Gott. Da 
alles göttliche Gesetz in ihm seinen Ursprung hat, ist eine 
Übertretung dieses Gesetzes gegen ihn gerichtet. Wenn 
man also irgendwelche irdischen Gesetze übertritt, die 
auf seinen Geboten beruhen - Gesetze, in denen es um 
den einzelnen und die Familie, um Eigentum, Kapital, 
Arbeit, Staat oder Kirche geht - wendet man sich gegen 
unseren Vater. König David war dies bewußt, und er 
sagte, unter Bezug darauf, daß er die Frau eines anderen 
gestohlen und diesen anderen hatte umkommen lassen: 
„Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe getan, 
was dir mißfällt." (Psalm 51:6.) 5 

Das Stehlen ist eine Sünde gegen unseren himmli- 
schen Vater, auch wenn es der Not und der Armut 
entspringt. Die Tat entehrt Gott (siehe Sprichwörter 
30:9). Im Gegensatz dazu beweist ein ehrlicher Mensch, 
der sich auch unter sehr schwierigen Bedingungen 
dafür entscheidet, nicht zu stehlen, daß er Gott 
vertraut. Er ist sich seines Bundes mit dem Herrn 
bewußt und hält sich daran. 

Ein Student hat mir einmal etwas erzählt, das diesen 
Punkt bezüglich der Ehrlichkeit untermauert. In seiner 
Jugend war sein Vater mit seinem Geschäft bankrott 
gegangen. Der Vater arbeitete hart und eröffnete ein 
neues Geschäft, das verheißungsvoll aussah, der Familie 
aber zunächst nur ein mageres Einkommen bescherte. 
Die Mutter des Studenten war auch arbeiten gegangen. 
Das bekümmerte die Familie, vor allem den Vater, aber er 
versprach, daß es nur für kurze Zeit sein sollte. Innerhalb 




eines Jahres hatte sich die Geschäftslage 
so gebessert, daß die Mutter aufhören 
konnte, zu arbeiten. Später ging es der 
Familie recht gut. 

Als nun mein Student, der im 
Hauptfach Betriebswirtschaft studierte, 
anfing, für seinen Vater zu arbeiten, 
erfuhr er, daß seine Eltern alle 
Schulden aus dem früheren Konkurs 
bezahlt hatten, obwohl sie dem Gesetz 
gemäß erlassen worden waren. Sein Vater hatte ange- 
fangen, sie abzuzahlen, sobald er das neue Geschäft in 
Angriff genommen hatte. Das war auch mit der Grund 
dafür gewesen, daß seine Mutter arbeiten gegangen war. 
Als mein junger Freund in Frage stellte, ob es klug war, 
Schulden abzuzahlen, die von Rechts wegen erlassen 
worden waren, erklärte sein Vater ihm, es sei ihm zwar 
klar, daß viele ehrliche Menschen ihre Schulden, 
die ihnen von Rechts wegen erlassen wurden, nicht 
bezahlen können, daß er aber der Meinung war, daß er 
seine Schulden über einen langen Zeitraum hinweg 
bezahlen konnte. Seine Sorge über seine unerledigten 
Verpflichtungen zwang ihn und seine Frau, ihre 
Verpflichtung gegenüber dem Herrn und den 
Bündnissen, die sie mit ihm eingegangen waren, erneut 
zu überdenken. Sie hatten das Gefühl, daß sie moralisch 
verpflichtet waren, die Schulden zu bezahlen, und daß 
alles andere für sie dem Diebstahl gleichkam. Deshalb 
hatten sein Vater und seine Mutter zusammengearbeitet, 
um das zu bezahlen, was sie ihrer Meinung nach schuldig 
waren, und sie und ihre Kinder waren gesegnet worden. 

STEHLEN UND GEHEIME VERBINDUNGEN 

Das Stehlen verletzt ein grundlegendes Gesetz des 
Himmels, das die Menschen anweist, sich die Erde 
Untertan zu machen und über die Tiere zu herrschen, und 
zwar unter Gott - das heißt, entsprechend dem, was der 
himmlische Vater vorgibt. Fast seit Anbeginn der 
Geschichte trachten rebellische Geister danach, ihren 
eigenen Regeln entsprechend zu herrschen - kurz, zu 
stehlen. Sie wollen die Herrschaft über die Erde und ihre 
Bewohner - sie wollen die Menschen bestehlen, das 
Tierreich ausrauben und die Erde plündern - ohne die 
einschränkende Hand ihres Schöpfers und Gesetzgebers. 
Das Töten hing seitdem mit dem zusammen, was Kain als 



OKTOBER 

29 



19 9 8 



sein „großes Geheimnis" bezeichnete, damit er morden 
und Gewinn erlangen konnte (siehe Mose 5:31). 

Die geheimen Verbindungen und diejenigen, die im 
Finstern wirken, waren zu Noachs Zeit fast erfolgreich. 
Die Folge war, daß die Erde „von Gewalttätigkeit erfüllt" 
war (siehe Mose 8:28). „Gott sah sich die Erde an: Sie 
war verdorben; denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde 
lebten verdorben." (Genesis 6:12.) Deshalb sandte der 
Herr die Flut und tilgte die Schlechten vom Erdboden 
(siehe Genesis 7:4; Mose 8:30). 

Nach der Flut dauerte es nicht lange, bis die 
Menschen wieder verderbt waren. Sie ließen sich vom 
Satan beeinflussen und erfanden Systeme, die ihnen 
halfen, widerrechtlich in den Bereich Gottes einzu- 
dringen. Durch die Macht des Teufels nahmen die bösen 
Führer, die „nach Macht strebten" und darauf aus waren, 
„Macht zu gewinnen und zu morden und zu plündern", 
dem Volk Eide ab, womit sie es in Schlechtigkeit an sich 
banden (siehe Ether 8:16). Diese Geheimnisse wurden 
von einer Generation an die nächste weitergegeben. Im 
Buch Mormon steht Gadianton für diesen Vorgang. Er 
war „in vielen Worten überaus gewandt . . . ebenso in 
seiner Hinterlist, um das geheime Werk des Mordens und 
des Raubens auszuführen" (Helaman 2:4). Dieses System 
wurde allmählich zur beherrschenden Kraft bei den 
Nephiten und trug direkt dazu bei, daß dieses Volk 
unterging (siehe Helaman 2:13). 

In diesen, den Letzten Tagen leidet die Welt unter den 
gleichen Problemen, und das wird auch weiterhin so sein. 
Zu den traurigen Geschehnissen unserer Zeit gehört es, daß 
die Menschen sich auf erschreckende Weise selbst 
vernichten und daß sie von „Mord und Zauberei, von 
Unzucht und Diebstahl" nicht ablassen (siehe Offenbarung 
9:21). 

In der gesamten Geschichte der Menschheit hat der 
Herr sich immer wieder bemüht, die Menschen zu 
lehren, den Reichtum der Erde auf gute Weise zu nutzen. 
Beispielsweise berief er Mose dazu, bei den Israeliten die 
Gesetze einer rechtschaffenen Gesellschaft zu etablieren. 
Der Herr wollte, daß sein System dazu beitrug, daß jeder 
Mensch sich entfalten konnte; dieses System sichert 
jedem Menschen die materiellen Güter, die der Lohn der 
Arbeit sind. Aber allzu häufig können die Menschen das 
Verlangen, die materiellen Güter, die andere haben, zu 
besitzen oder zu beherrschen, nicht überwinden. 



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Der Prophet Arnos sagte beispielsweise über sein Volk: 
„Weil sie den Unschuldigen für Geld verkaufen und den 
Armen für ein Paar Sandalen. . . ." Ihre Gier war so groß, 
daß sie „die Kleinen in den Staub" traten (siehe Arnos 
2:6,7). Und über diejenigen, die dem Vater, der ihnen 
doch alles gegeben hat, ihre Opfergaben vorenthielten, 
sagte Maleachi deutlich: „Darf der Mensch Gott 
betrügen?" (Maleachi 3:8.) 

Wir sind heute leider nur allzu sehr mit denen 
vertraut, die so gierig sind, daß sie sich nicht nur weigern, 
mit anderen zu teilen, sondern daß sie sogar nur zu bereit 
sind, anderen alles abzunehmen, koste es, was es wolle. 

Wenn wir klug sind, lieben wir die Menschen und 
nutzen die Dinge so, wie unser Vater es vorgesehen hat. 
Unmoral herrscht dort, wo wir Dinge lieben und 
Menschen benutzen. Der schreckliche Gedanke, den der 
Satan Kain beibrachte, bestand darin, Menschenleben in 
Besitz zu nehmen und aus einem Kind Gottes bewegliche 
Habe zu machen. 

DAS HÖHERE GESETZ DES ERRETTERS 

Als der Erretter kam, etablierte er wieder das höhere 
Gesetz seines Reiches: 

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem 
Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. 

Das ist das wichtigste und erste Gebot. 

Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen 
Nächsten lieben wie dich selbst. 

An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz 
samt den Propheten." (Matthäus 22:37-40.) 

Das Neue Testament fordert die umkehrwillligen 
Jünger Christi auf, nach seinem Gesetz der Liebe als 
neuer Mensch zu leben (siehe Römer 6:4; Hebräer 
10:19-24). Dieses Gesetz sollte die Art, wie wir unsere 
Pflicht gegenüber unseren Menschen und unsere 
Fähigkeit, ihnen und dem Herrn zu dienen, sehen, ganz 
beherrschen. So sagt Paulus: „Der Dieb soll nicht mehr 
stehlen, sondern arbeiten und sich mit seinen Händen 
etwas verdienen, damit er den Notleidenden davon 
geben kann." (Epheser 4:28.) 

Außerdem sollen das Ablassen von den Sünden der 
Vergangenheit und das Verlangen danach, dem Beispiel 
des Herrn nachzufolgen, uns bewußt machen, daß wir in 
unseren täglichen Verpflichtungen die höchsten sittlichen 
Grundsätze brauchen. Präsident Spencer W Kimball hat 

STERN 

30 





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In der gesamten 
Geschichte der Menschheit 
hat der Herr sich immer 
wieder bemüht, die 
Menschen zu lehren, den 
Reichtum der Erde auf 
gute Weise zu nutzen, 
wozu auch gehört, daß 
jeder sich die materiellen 
Güter sichern kann, die 
der Lohn der Arbeit sind. 



auf folgendes hingewiesen: „Ehrlichkeit kann gelehrt aber 
nicht legalisiert werden. ,Es müßte ein Gesetz geben', 
sagen viele, wenn die Korruption ihr häßliches Haupt 
erhebt, und unsere Antwort lautet, daß es Gesetze gibt - 
zahllose Gesetze, die nicht durchgesetzt werden; aber 
unsere Antwort lautet außerdem, daß man Gutsein und 
Ehre und Ehrlichkeit nicht legalisieren kann. Es muß eine 
Rückkehr hin zum Bewußtsein dieser Werte geben." 6 
Wenn die Menschen diese Werte praktizieren, können die 
Macht des Geistes und die Kraft der Liebe etwas bewirken, 
was das Gesetz nicht vermag - sie können die Gier und 
Begehrlichkeit, die zum Stehlen führen, überwinden. 

DIE WAHREN KOSTEN 

An einem Frühjahrsmorgen vor einigen Jahren 
pflanzten meine Frau und ich in einer sonnigen Ecke 



unseres Grundstücks einen kleinen Kirschbaum. Wir 
freuten uns schon auf die reiche Ernte, die uns irgend- 
wann bevorstand. Aber am nächsten Morgen ging meine 
Frau kurz nach draußen und kam mit einem erstaunten 
Gesichtsausdruck zurück: „Jemand hat unseren Baum 
gestohlen!" So war es, ein Dieb hatte ihn ausgegraben 
und uns nur das Loch zurückgelassen. 

Wir verloren zwar nicht viel an materiellem Wert, 
aber wir verloren all die Zeit, die wir damit zugebracht 
hatten, die Pflanzstelle vorzubereiten und den Baum zu 
kaufen und einzupflanzen. Trotzdem ging es uns im 
Vergleich zu anderen, die viel schlimmere Verluste 
erlitten haben, noch gut. Ich habe mich schon gefragt, ob 
derjenige, der den Baum mitgenommen hat, jemals 
darüber nachgedacht hat, welchen geistigen Preis er 
dafür wohl gezahlt hat. 

Am Ende wird kein Dieb jemals ungestraft davon- 
kommen; ein Dieb riskiert, seine Seele zu verlieren. Er hat 
ein Gebot Gottes übertreten und dabei sich selbst mehr 
geschadet als irgendeinem anderen. Unser Vater hat uns 
durch seinen Sohn geboten: „Ihr sollt also vollkommen 
sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist." (Matthäus 
5:48.) Das griechische Wort, das hier als „vollkommen" 
wiedergegeben ist, schließt unversehrt und vollständig 
mit ein. Gewiß gehört auch Redlichkeit dazu. 

Der Vater im Himmel ist ganz; er ist voll Redlichkeit. 
Wir, seine Kinder, haben die Möglichkeit in uns, so zu 
werden, wie er ist. Aber alles, was wir tun, was nicht das 
göttliche Wesen in uns bildet, verletzt das, was wir sind, 
unser wahres Ich und die ewige Verwandtschaft mit dem 
himmlischen Vater. Stehlen hält uns, wie jede bewußte 
Übertretung eines seiner Gebote, davon ab, darauf 
hinzuarbeiten, daß wir ganz oder „vollkommen" werden. 

Ein Dieb wertet sein göttliches Potential ab, genauso 
wie die Segnungen, die dem Gehorsamen gelten, und 
gibt sie für materiellen Gewinn auf. Wenn er nicht 
umkehrt, beraubt er sich des ewigen Lebens. D 

FUSSNOTEN 

1. Dale Patrick, Old Testament Law (1985), 55f. 

2. Derek Kidner, in Rousas John Rushdoony, The Institutes of 
Biblical Law (1973), 465; siehe auch 464f. 

3. The Miracle of Forgiveness (1969), 99. 

4. The Teachings ofEzra Taft Benson (1988), 608. 

5. Siehe The Institutes of Biblical Law, 10-13. 

6. The Teachings of Spencer W. Kimball, Hg. Edward L. Kimball 
(1982), 193. 



OKTOBER 
31 



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Bulgarisch (Liahona) 



Indonesisch 
(Liahona) 



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Schwedisch 
(Nordstern) 



Chinesisch (Die 
Srim??ie der Heiligen) 



Tschechisch 
(Liahona) 



Dänisch (Stern) 



Italienisch 
(Der Stern) 



Japanisch (Der 
Weg der Heiligen) 



1: Kiribati (Liahona) 



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1 

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Holländisch 
(Der Stern) 




Koreanisch (Der 
Freund der Heiligen) 



*Tagalog (Liahona) 



Thai (Liahona) 



Tonga (Die Fackel) 



Ukrainisch 
(Liahona) 



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Englisch (Liahona) 




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Norwegisch (Licht 
über Norwegen) 




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'"'Vietnamesisch 
(Liahona) 



Einige Fakten über den Stern 

Eine Zeitschrift für 
die ganze Welt 



Marvin K. Gardner, geschäftsführender Herausgeber 



,Wir sehen eine wundervolle 
Zukunft für die Kirche vorher, auch 
wenn wir in einer sehr unsicheren 
Welt leben. Wenn wir an unseren 
Wertvorstellungen festhalten, wenn 



wir auf dem Vermächtnis, das uns 
hinterlassen worden ist, aufbauen, 
wenn wir in Gehorsam vor dem 
Herrn leben, wenn wir einfach nach 
dem Evangelium leben, werden wir 




FOTO VON PRÄSIDENT HINCKLEY VON CRAIG DIMOND 

auf großartige und wundervolle Weise 
gesegnet. 

Als Mitglieder der Kirche haben 
wir wundervolle Hilfsmittel, die uns 
helfen, an unseren Wertvorstellungen 



DER 



STERN 
32 



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"Fidschi (Liahona) Finnish (Das Licht) 



Französisch 
(Do- Stern) 



Deutsch (Der Stern) Ungarisch (Liahona) Isländisch 

(Stern der Hoffnung) 






"Polnisch (Liahona) 



Portugiesisch 
(Liahona) 



"Rumänisch 
(Liahona) 



Russisch (Liahona) 



Samoanisch 
(Liahona) 



Spanisch (Liahona) 



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Der Stern wird in 31 Sprachen herausgegeben. Die jüngste Ausgabe - Cebuano 
(links), eine philippinische Sprache - beginnt mit der aktuellen Nummer. Das 
Sternchen gibt an, daß die betreffende Ausgabe seit 1 998 besteht. 



"Cebuano (Liahona) 



festzuhalten und in Gehorsam vor 
dem Herrn zu leben. Dazu gehören 
auch die Zeitschriften, die die Kirche 
herausgibt. Durch die Zeitschriften der 
Kirche können die Worte der lebenden 
Propheten und Apostel regelmäßig zu 
uns nach Hause gelangen und uns 
und unsere Familie anleiten und 
inspirieren. 

Wir fordern alle Mitglieder in der 
ganzen Welt auf, abonnieren Sie die 
Zeitschriften der Kirche, und lesen Sie 
sie. Wir spornen die Priestertumsführer 
an: achten Sie darauf, daß jede Familie 
in der Kirche diese Möglichkeit hat." 
(Die Erste Präsidentschaft - Gordon 



B. Hinckley, Thomas S. Monson, 
James E. Faust, l. April 1998.) 

EINE WELTWEITE ZEITSCHRIFT 

Wir im Büro des Herausgebers am 
Hauptsitz der Kirche in Salt Lake 
City erhalten häufig Fragen zur 
Veröffentlichung des Stern. Es folgen 
einige Antworten und zusätzliche 
Informationen. 

■ In wie vielen Sprachen wird 
der Stern veröffentlicht? Wir veröf- 
fentlichen die Zeitschrift zur Zeit 
in 3 1 Sprachen. In Zukunft werden 
noch weitere Sprachen hinzu- 
kommen. 



■ Ist der Inhalt der Zeitschrift in 
allen Sprachen gleich? Jede Seite, bis 
auf den Nachrichtenteil in der Mitte, 
ist in allen Sprachen genau gleich - 
dieselben Artikel, Bilder, Illustra- 
tionen und Fotos. Die meisten 
Nachrichtenteile enthalten Artikel 
über Mitglieder der Kirche und 
Ereignisse aus dem jeweiligen Gebiet. 

■ Hat die Ausgabe in jeder 
Sprache den gleichen Titel? Nein, 
auch wenn der Inhalt der gleiche 
ist. Achtzehn Ausgaben tragen den 
Titel Liahona - ein Begriff aus dem 
Buch Mormon, der Kompaß oder 
Wegweiser bedeutet. Zehn Ausgaben 



OKTOBER 

33 



19 9 8 



haben die Worte Stern oder Licht 
oder Fackel im Titel. Andere sind den 
Heiligen als die „Stimme" oder der 
„Weg" oder der „Freund" der Heiligen 
bekannt. Bei uns in Salt Lake City 
heißt der Stern einfach. 

■ Ist Der Stern einfach eine Über- 
setzung des Ensign? Nein. Der Stern 
enthält nicht alle Artikel aus dem 
Ensign, der New Era und dem Friend 
(Zeitschriften der Kirche, die auf 
englisch herausgegeben werden) . 
Allerdings drucken wir im Stern 
einige Artikel aus diesen Zeitschriften 
ab - und manche erscheinen auch 
im selben Monat. Andere Artikel 
kommen zuerst im Stern heraus und 
später vielleicht in den übrigen 
Zeitschriften. 

WEITERE FAKTEN 

Die erste Zeitschrift der Heiligen 
der Letzten Tage, die The Evening 
and the Morning Star hieß, wurde 
1832 in Independence, Missouri, 
herausgegeben - zwei Jahre nach 
der Gründung der Kirche. 

Die erste nichtenglischspra- 
chige Zeitschrift der Kirche wurde 
1846 (walisisch) herausgegeben. 
Weitere frühe nichtenglischspra- 
chige Zeitschriften der Kirche 
erschienen 1851 (dänisch, franzö- 
sisch und deutsch). Im Laufe der 
Jahre kamen weitere Sprachen dazu. 
1967 wurden alle nichtenglischspra- 
chigen Zeitschriften der Kirche in 
einer einzigen Veröffentlichung 
zusammengefaßt, die jetzt in den 
verschiedenen Sprachen herausge- 
geben wird. 

Die Kirche begann 1977, eine 
englische Ausgabe des Stern heraus- 
zugeben. Der englische Liahona, diese 



Zeitschrift, wird hauptsächlich in 
den englischsprachigen Gebieten 
außerhalb der USA, Kanadas, 
Großbritanniens, Australiens und 
Neuseelands gelesen. Er ist überall 
erhältlich. 

Manche fremdsprachigen Aus- 
gaben erscheinen monatlich, andere 
zweimonatlich oder vierteljährlich. 
Die Häufigkeit der Veröffentlichung 
wird von den Kirchenräten in Salt 
Lake City festgelegt. Die Entschei- 
dungen basieren auf den Empfeh- 
lungen der Gebietspräsidentschaften, 
der Zahl der bekannten Haushalte 
mit Mitgliedern der Kirche, die 
die jeweilige Sprache sprechen, der 
Zahl der Abonnements und der 
Verfügbarkeit der Übersetzungs- und 
Produktionsmöglichkeiten. 

Die Botschaft von der Ersten 
Präsidentschaft und die Besuch' 
slehrbotschaft sind jeden Monat in 
63 Sprachen erhältlich. Die 
Mitglieder, die die Zeitschrift nur alle 
zwei Monate oder einmal im 
Vierteljahr erhalten, können in den 
Monaten, in denen die Zeitschrift 
nicht erscheint, diese Veröffentli- 
chungen bei ihren Priestertumsfüh- 
rern anfordern. 

Diese Botschaften sind also nicht 
nur in den 31 Sprachen erhältlich, 
in denen die Zeitschrift erscheint, 
sondern auch in weiteren 32 
Sprachen (siehe den Kasten auf der 
gegenüberliegenden Seite) . 

DIE BESTELLUNG DES STERN 

Abonnieren Sie den Stern - 
oder behalten Sie Ihr laufendes 
Abonnement. Sie können den Stern 
in jeder der verfügbaren Sprachen 
erhalten, wo Sie auch wohnen. 



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jemanden auf der ganzen Welt. Sie 

können Abonnements für Freunde, 
Verwandte, neugetaufte Mitglieder 
und jeden anderen bestellen, den Sie 
kennen - ob es sich um Mitglieder 
der Kirche handelt oder nicht. Die 
Zeitschriften der Kirche sind wunder- 
volle Geschenke zur Hochzeit, zu 
einem Jubiläum, zum Geburtstag, zu 
Weihnachten, zum Studienabschluß 
und zu anderen Anlässen. Spenden 
Sie Abonnements für Bibliotheken, 
Schulen, Krankenhäuser, Arzt- 
und Zahnarztpraxen und andere 
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So bestellen Sie die Zeitschrift: 
Halten Sie sich an die Bestellinforma- 
tionen vorn auf der ersten Seite jeder 
Ausgabe - oder auf der letzten Seite 
Ihres Nachrichtenteils. Oder fragen 
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Zweig und Gemeinde, Ihren 
Führungssekretär, Gemeindesekretär, 
Bischof oder Zweigpräsidenten. Oder 
wenden Sie sich an den Versand der 
Kirche. An manchen Orten ist es 
nicht möglich, eine Zeitschrift an die 
Adresse einer Einzelperson zu 
schicken. In solchen Fällen werden 
die Zeitschriften an die Gemeinde 
beziehungsweise den Zweig geschickt 
und an die einzelnen Mitglieder und 
Familien weitergegeben. 

SO KÖNNEN SIE SICH BETEILIGEN 

Schicken Sie uns Leserbriefe 
und Anregungen, Ihr Zeugnis und 
Artikel. Wir können nicht alles 
abdrucken, was wir bekommen, 
aber viele unserer Artikel stammen 
von Lesern in der ganzen Welt. 
Schreiben Sie uns in Ihrer Sprache, 



DER STERN 
34 




und geben Sie Ihren vollständigen 
Namen, Ihre Adresse, Ihre 
Gemeinde beziehungsweise Ihren 
Zweig und Ihren Pfahl beziehungs- 
weise Distrikt an. Unsere Adresse, 
die immer auf der ersten Seite der 
Zeitschrift steht, lautet: International 
Magazines, 50 East North Temple, 
Floor 25, Salt Lake City, UT 
84150-3223, USA. 

Schreiben Sie Artikel für Ihren 
Nachrichtenteil. Schicken Sie 
Nachrichtenartikel an die örtliche 
Adresse, die auf der ersten Seite in 
Ihrer Zeitschrift - oder auf der letzten 
Seite im Nachrichtenteil - steht. 

WIE SIE DIE ZEITSCHRIFT NUTZEN 
KÖNNEN 

Jede Ausgabe ist eine hervorra- 
gende Quelle für Ihr persönliches 
Evangeliumsstudium und für den 
Evangeliumsunterricht in der 
Familie. 

Jede Ausgabe enthält Artikel 
und Aktivitäten für Kinder und 
Jugendliche. 



Jede Ausgabe kann Ihnen in 
Ihren kirchlichen Berufungen helfen 

- als Quellenmaterial für Heimlehren, 
Besuchslehren, Miteinander, „Lehren 
für unsere Zeit" und andere Lektionen 
und Ansprachen. 

Jede Ausgabe kann Ihnen einen 
aktuellen Überblick über örtliche 
und kirchenweite Neuigkeiten 
vermitteln. Sie können Artikel 
von lokalem Interesse lesen. Sie 
können auch etwas über interes- 
sante aktuelle Ereignisse lesen - zum 
Beispiel über die Ratschläge, Reisen 
und Aktivitäten von Präsident 
Gordon B. Hinckley und anderen 
Kirchenführern. 

Jede Ausgabe bietet Ihnen die 
Möglichkeit, den Menschen vom 
Evangelium zu erzählen und weniger 
aktiven Mitgliedern zu helfen, ihr 
Zeugnis wiederzuentdecken. Wir 
erhalten viele Briefe und Zeugnisse 
aus der ganzen Welt, aus denen 
hervorgeht, wie der Geist des Herrn 
durch die Zeitschriften der Kirche zu 
den Menschen spricht. D 




Die Botschaft von der Ersten 
Präsidentschaft und die 
Besuchslehrbotschaft werden 
nicht nur in den 31 
verschiedenen Ausgaben des 
Stern veröffentlicht, sondern 
auch in 32 weiteren Sprachen, 
dort aber nicht in 
Zeitschriftform: 



Albanisch 

Arabisch 

Armenisch (Ost) 

Bislama 

Braille (Englisch) 

Kambodschanisch 

Kroatisch 

Estnisch 

Griechisch 

Haitianisch 

Hiligaynon 

Hmong 

Ilokano 

Kosraeanisch 

Laotisch 

Lettisch 

Litauisch 

Maltesisch 

Marschallesisch 

Mongolisch 

Motu 

Neomelanesisch 

Niueanisch 

Pohnpeianisch 

Rarotonga 

Serbisch 

Slowakisch 

Slowenisch 

Tahitisch 

Trukesisch 

Türkisch 

Waray 



OKTOBER 1998 

35 




Goldene Fragen 



Pat Meyers 

ILLUSTRIERT VON DILLEEN MARSH 



ch gehörte nicht zu den beliebtesten Schülern an 
meiner Highschool, deshalb war mein Freundeskreis 
eher klein. Ich war so schüchtern, daß ich die meiste 
Zeit für mich blieb. Ich war so entsetzlich schüchtern, 
daß es schon schmerzte. 

Als ich einmal zum Geschichtsunterricht kam und 
mich an meinen Platz setzte, setzte sich ein anderes 
schüchternes Mädchen neben mich. Wir hatten uns 
sicher vorher schon mal unterhalten, aber ich kannte sie 
eigentlich nicht. 

Als sie ihre Bücher auf den Tisch legte, fiel ein 



Ringbuch neben mir auf den Boden. Ich drehte mich um, 
um es aufzuheben, und da fielen mir die Worte Seminar - 
Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage auf dem Titel 
auf. Ich griff nach unten und hob das Ringbuch auf. Ich gab 
es ihr und fragte ängstlich. „Ach, geht ihr samstags zur 
Kirche?" 

Sie sah verwirrt aus. „Nein", antwortete sie. „Warum?" 

Ich zeigte auf das Ringbuch. „Da steht Kirche Jesu 

Christi der Heiligen der Letzten Tage. Bedeutet das nicht, 

daß ihr am letzten Tag der Woche zur Kirche geht?" 

Sie lächelte und kicherte ein bißchen. Dann 



DER STERN 
36 







atmete sie tief ein und fragte: „Was weißt du über die 
Mormonenkirche ? " 

Ich antwortete ehrlich: „Nicht gerade viel." 

Sie atmete noch einmal tief ein und fragte: „Möchtest 
du vielleicht mehr wissen?" 

„Ja", antwortete ich ohne zu zögern. 

In dem Augenblick muß ihr Unterkiefer den Boden 
berührt haben. Ihre Augen funkelten, und sie sah sicht- 
lich erleichtert aus. Ich erfuhr, daß sie Yvonne Anderson 
hieß, und wir wurden Freundinnen. Bald hatten wir auch 
einen Termin mit den Missionaren, die mit mir die 



erste Lektion durchnahmen. Und bei meiner Taufe war 
Yvonne auch da. 

Ich weiß, daß das Ringbuch nicht zufällig hingefallen 
ist. So albern meine erste Frage auch geklungen haben 
mag, sie war goldrichtig: sie ermöglichte es einem schüch- 
ternen Mädchen, ein anderes schüchternes Mädchen zu 
fragen: „Möchtest du vielleicht mehr wissen?" 

An jenem Tag im Geschichtsunterricht war plötzlich 
eine Freundschaft da. Durch zwei goldene Fragen 
wurden zwei schüchterne Mädchen Freundinnen für die 
Ewigkeit. D 



OKTOBER 
37 



19 9 8 



GEDANKEN 



DAZU 



E 





TEURO 





Eider Dennis B. Neuenschwander von den Siebzigern 

FOTO VON CRAIG DIMOND; FOTO VON DER STATUE DES ENGELS MORONI VON RICHARD M. ROMNEY. 





Die Verkündigung des Evangeliums in aller Welt 
dient einer göttlichen Bestimmung. Die Propheten 
erklären seit langem, daß das Wort des Herrn jedes 
Land durchdringen und daß es jedem Stamm, jeder 
Sprache und jedem Volk verkündet werden wird. 
Abraham erhielt die Verheißung: „Segnen sollen sich 
mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde." 
(Genesis 22:18; Hervorhebung hinzugefügt.) Nephi 
„sah die Kirche des Lammes . . . über die ganze Erde 
verbreitet". (1 Nephi 14:12.) Und der Herr selbst hat 
verkündet: „[Meine] Stimme . . . ergeht an alle 
Menschen, und es gibt keinen, der ihr entrinnt; und es 
gibt kein Auge, das nicht sehen wird, auch kein Ohr, 
das nicht hören wird, und auch kein Herz, das nicht 
durchdrungen werden wird." (LuB 1:2.) 

Die Etablierung des Evangeliums in den 

Ländern Osteuropas in den letzten 

zwanzig Jahren ist ein deutliches 

Zeugnis dafür, wie diese und 

ähnliche Prophezeiungen in 

Erfüllung gehen. Aber 

diese Erfüllung fand 




nicht ohne jahrelange Vorbereitung und erhebliche 
Veränderungen in der politischen Atmosphäre 
Osteuropas statt. Auch nicht ohne ähnliche Jahre der 
Vorbereitung in der Kirche selbst. Ich möchte hier 
persönliche Beobachtungen zu einigen wenigen 
Ereignissen wiedergeben, die mit dieser Vorbereitung 
und Veränderung zu tun hatten. Zwischen 1975 und 
1991 habe ich mehrere Jahre mit meiner Familie in 
Europa gelebt, wo ich zunächst im Bereich 
Mikroverfilmung für die genealogische Arbeit der 
Kirche, dann als Missionspräsident und schließlich als 
Generalautorität tätig war. 

WANDEL IN EUROPA 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wünschten 
viele Menschen sich die Freiheit, ihre persönlichen, 
politischen und religiösen Vorlieben zum Ausdruck 
bringen zu können. Aber die Herrschaft einer einzigen 
politischen Partei machte dies schwierig und führte 
zu gefährlicher politischer Konrontation. Die 
Menschen in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn 

und Jugoslawien standen bei 
diesen Auseinandersetzungen 




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an vorderster Front. Ihren denkwürdigsten Ausdruck 
fanden die Bekundungen des Unwillens in dem 
Aufstand in Ungarn von 1956 und in Prag von 1968. 
* Die Arbeiteraufstände in Polen von 1956, 1970 und 
1976 führten letztlich dazu, daß im Dezember 1980 
die freie Gewerkschaft Solidarnosc gegründet 
wurde. 

Diese Bekundungen politischen Unwillens stei- 
gerten sich in Ungarn im Jahre 1989 immer mehr. 
Am 1. Mai 1989 begann Ungarn, den Zaun entlang 
der östereichichen Grenze abzubauen. Es gestat- 
tete Menschen aus der DDR, über 
% diese Grenze nach Österreich zu 
gelangen. Bis zum 10. September 
waren über 100000 Bürger der 
DDR nach Westeuropa gelangt. 
Ich wohnte damals mit 
meiner Familie in Wien. 
Jeden Abend gab es im 
Fernsehen Berichte über das 
lautstarke Willkommen, mit 
dem die DDR-Bürger beim 
Grenzübertritt in Öster- 
reich begrüßt wurden. Mit 





ihnen kamen Ungarn. Die Straßen, die nach Wien 
führten, waren voller Ungarn, die sich jetzt frei 
bewegen konnten. Viele kamen zum ersten Mal in 
ihrem Leben nach Österreich und kehrten dann nach 
Hause zurück. Andere entschieden sich dafür, zu 
bleiben und die liberale Asylgesetzgebung in 
Anspruch zu nehmen. Wieder andere kamen, um 
Geräte zu kaufen, die es bei ihnen nicht gab. Häufig 
sah man Waschmaschinen, Kühlschränke und andere 
Geräte, die oben auf den Autos festgebunden waren 
und nach Ungarn transportiert wurden. 

Das sichtbarste Ergebnis dieses Wegfalls der Grenzen 
war der Einsturz der Berliner Mauer. Sie zog sich 
zwar nur um den sowjetischen Sektor Berlins, aber 
sie war das Symbol eines geschlossenen politischen 

Unten: Der Mormonentabernakelchor während seiner 
Tournee im Juni 1 991 auf dem Roten Platz in Moskau; 
dies war ein Sinnbild für die wachsende Bedeutung 
der Kirche in Osteuropa. Gegenüberliegende Seite, 
oben: Eine Statue, die den Engel Moroni darstellt, von 
Valerij Velitschko aus der Ukraine; sie scheint den 
Einzug des Evangeliums in solche Länder anzukündigen, 
denen Religionsfreiheit früher verwehrt war. 





ABDRUCK DES FOTOS MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON LDS CHURCH ARCHIVES 



ABDRUCK DES FOTOS MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON LDS CHURCH ARCHIVES 



und wirtschaftlichen Systems in ganz Osteuropa. Die 
Öffnung der Mauer in der Nacht vom 9. auf den 10. 
November 1989 stellte die symbolische Öffnung 
Osteuropas dar. 

Auch andernorts in Osteuropa dämmerte ein neuer 
Morgen. Nur zwei Wochen nach der Öffnung der 
Berliner Mauer im November kamen mehrere tausend 
Tschechen und Slowaken nach Wien. Es wurden 
außerhalb der Stadt spezielle Parkplätze bereitgestellt, 
die die Hunderte von Bussen aufnehmen sollten, die da 
aus der Tschechoslowakei kamen. In der ganzen Stadt 
herrschte Feststimmung. In vielen Läden erschienen 
Schilder in ungarischer und in tschechischer Sprache. 

Während all diese Ereignisse stattfanden, hatten die 
Menschen in ganz Osteuropa immer mehr Möglichkeiten, 
fernzusehen und Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, 
ganz zu schweigen vom persönlichen Kontakt mit westli' 
chen Geschäftsleuten und anderen. Die Hoffnung, die 
diese Kontakte mit sich brachten, schuf eine Zuversicht 
und Ruhelosigkeit, die sich nicht mehr eindämmen ließen. 
Die politische Teilung zwischen Ost und West erfuhr 
grundlegende Veränderungen. 

Moskau selbst trug ganz wesentlich zu diesen 
Veränderungen bei. 1987 rief Michail Gorbatschow 
seine Prinzipien Glasnost' (Offenheit) und Perestrojka 
(Umstrukturierung) ins Leben. Sie spiegeln einen 
Wandel in der Einstellung wider, der seit Jahren in den 
Völkern Osteuropas gewachsen war. Interessanterweise 
fand diese gewandelte Einstellung ihren Ausdruck bei 
Regierungsvertretern, die sich dem Wunsch des Volkes 
nach mehr persönlicher Freiheit, auch nach Freiheit des 
religiösen Ausdrucks, immer weniger verschlossen. 

EINE ZEIT DER VORBEREITUNG FÜR DIE KIRCHE 

So wie die politischen Ereignisse des Jahres 1989 



nicht ohne lange Jahre der Vorbereitung stattfanden, 
war dies auch bei der Einführung des Evangeliums 
der Fall. Die Kirche war diesem Teil der Welt 
nicht fremd. Schon in früheren Jahren und unter 
anderen politischen Systemen hatten Missionare in 
Osteuropa erfolgreich gedient, und Generalautoritäten, 
Geschäftsleute und Akademiker hatten häufige 
Kontakte mit den dortigen Führern. Trotzdem wirkte 
es sich natürlich aus, daß die Kirche nicht offiziell 
vertreten war. Bis 1975 gab es, mit der bemerkens- 
werten Ausnahme der DDR; in Osteuropa nur wenig 
kirchliche Aktivität. 

Eine Handvoll treuer Mitglieder der Kirche blieb in der 
Tschechoslowakei. 1 Im heutigen Polen und in der früheren 
Sowjetunion waren viele Missionare früher erfolgreich 
tätig gewesen, wenn auch fast nur bei der deutschspra- 
chigen Bevölkerung. Aber bis Mitte der siebziger Jahre 
waren die meisten Mitglieder entweder gestorben oder in 
die Bundesrepublik übersiedelt. Von der früheren missio- 
narischen Aktivität im östlichen Ungarn und westlichen 
Rumänien war kaum etwas übriggeblieben. 

Stellvertretend für die Mitglieder, die sich durch diese 
schwere Zeit hindurchkämpften, steht die Polin 
Marianna Glownia. Während des Zweiten Weltkriegs 
waren sie und ihr Mann im Untergrund aktiv und 
kämpften gegen die Nazibesetzer und wurden gefangen- 
genommen. Sowohl ihr Mann als auch ihr Kind wurden 
getötet. Sie überlebte, aber durch die grausamen Verhöre 
blieb sie mit gebrochenen Hand- und Fußgelenken 
zurück. Sie hatte keinerlei ärztliche Hilfe, und so heilten 
die Gelenke in diesem Zustand, wodurch sie verkrüppelt 
blieb. Sie konnte kaum laufen und war auf die Hilfe ihrer 
Nachbarn angewiesen. 

Nachdem sie sich 1958 der Kirche Jesu Christi der 
Heiligen der Letzten Tage angeschlossen hatte, erklärten 



DER STERN 

40 



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Von links: die Weihung des Freiberg-Tempels im 
Juni 1 985; im Oktober 1 988 erhielten Führer der 
Kirche (darunter Präsident Thomas S. Monson 
und Eider Russell M. Nelson) die Genehmigung, 
Missionare in die DDR zu entsenden; ein Jahr 
und einen Monat später wurde die Berliner 
Mauer geöffnet; Mitglieder aus Armenien 
kommen zum Freiberg-Tempel. Hintergrund: Die 
Berliner Mauer. 

ihr Mitglieder einer anderen Kirche, sie würden ihr 
Leben lang für sie sorgen, wenn sie ihre Mitgliedschaft 
aufgab. Als ich sie 1981 besuchte, sah sie mich und 
meinen Reisebegleiter, Matthew Cziembronowicz, an 
und sagte: „Brüder, ich möchte, daß Sie wissen, daß ich 
meinen Glauben nie verleugnet habe." Aufgrund der 
schwierigen Umstände hatte sie zwar den Kontakt mit 
der Kirche, nicht aber mit dem Herrn verloren. 

Und weder der Herr noch seine Kirche hatten sie und 
die anderen mit einem ähnlichen Schicksal vergessen. Still 
und geduldig arbeiteten beide daran, den Weg für die Zeit 
zu bereiten, da die Kirche mit ihrem vollen Programm 
nach Osteuropa zurückgebracht werden konnte. 

FREUNDSCHAFTEN SCHLIESSEN 

Einer der besten Botschafter für den Herrn war die 
Mikroverfilmungsarbeit der Kirche. 1957 wandte Ungarn 
sich an die Genealogische Abteilung und bat um Hilfe 




ABDRUCK DES FOTOS MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON LDS CHURCH ARCHIVES 



bei der Konservierung der Unterlagen des Landes. 2 
Innerhalb weniger Jahre zog Polen nach, wobei Eider 
Alvin R. Dyer, der Europäische Missionspräsident, 1962 
mit den Verhandlungen begann. 3 Bis 1968 hatte man 
einen Vertrag geschlossen, und die Verfilmung begann 
kurz danach. Diese Mikroverfilmung brachte der Kirche 
eine Anzahl einflußreicher Freunde ein, die genau dann, 
wenn die Kirche ihre Hilfe brauchte, wertvolle 
Fürsprecher waren. 

Diese Arbeit war deshalb so effektiv, weil sie die 
Gelegenheit mit sich brachte, daß Mitglieder der Kirche 
und aufgeschlossene Menschen hinter dem eisernen 
Vorhang Freundschaft schlössen. 1975 besuchte ich 
Kiew in der Ukraine, und zwar als Teilnehmer von 
Gesprächsrunden zu Archivangelegenheiten. Nach einer 
geselligen Veranstaltung, die außerhalb der Stadt statt- 
fand, bestiegen die Teilnehmer einen Bus, um die lange 
Rückfahrt nach Kiew anzutreten. Einer der 
Konferenzdolmetscher saß neben mir. Da es schon so 
spät war, schliefen fast alle anderen bald. In dem 
Augenblick sprach er mich an und fragte, ob ich 
Mormone sei. 

Seine Frage überraschte mich. Wer wußte 1975 in 
Osteuropa schon etwas über die Kirche und hatte den 
Mut, überhaupt zu fragen? Ich fragte, warum er das 
wissen wolle. Er sagte, er habe einmal bei einer 
Konferenz ein Mitglied der Kirche kennengelernt. Was er 
an mir beobachtete, erinnerte ihn an seinen früheren 
Bekannten. Wir verbrachten mehrere Abende mit 
fruchtbaren Gesprächen. 

Ich weiß nicht, wer jenes Mitglied der Kirche war, 
aber sein Beispiel hat diesen Mann nachhaltig beein- 
druckt. Einzelne Mitglieder der Kirche machen die 
Menschen durch ihr Beispiel mit dem Evangelium 
bekannt, lange ehe die Kirche offiziell vertreten ist. 



OKTOBER 
4/ 



19 9 8 



Weitere persönliche Kontakte wurden mit Menschen 
geknüpft, die professionelle Hilfe anboten. Zu den wich- 
tigsten dieser Kontakte gehörte die Rechtsberatung 
seitens der Kirche. Die tiefgreifenden politischen 
Veränderungen in Osteuropa brachten im juristischen 
Bereich eine tiefe Krise mit sich. Die Regierungen 
brauchten Hilfe bei der Auslegung der bestehenden 

Gesetze und beim Verfassen neuer. 
Der Wert des juristischen 
Beistands durch die Kirche in 
diesen Entwicklungsjahren 
ist kaum zu überschätzen. 

Von unschätzbarem Wert 

war auch die Arbeit der 

Missionarsehepaare, die 

zum Dienst in Osteuropa 

berufen wurden. Der 




Dienst, den sie leisteten, war ebenso vielfältig wie 
effektiv. Von humanitärer Hilfe in entlegenen 
Gefängnissen in Rußland zu medizinischer Schulung in 
Rumänien, vom Aufbau der Programme des 
Bildungswesens der Kirche bis zur Übersetzung von 
Unterlagen der Kirche - die große Arbeit der Kirche in 
Osteuropa hätte ohne die Arbeit der Missionarsehepaare 
nicht bewältigt werden können. Sie fanden Freunde und 
machten Erfahrungen, die in späteren Jahren von 
unschätzbarem Wert waren. 

Diesen Pionieren kann man keinen größeren Tribut 
zollen als mit der Anerkennung ihres Beispiels und der 
Beständigkeit ihres Glaubens auch in schwierigen 
Umständen. In der Mitte der siebziger Jahre und zu 
Beginn der achtziger Jahre war es gefährlich, sich in 
Osteuropa mit religiösen Belangen zu befassen, und die 
Missionare wurden manchmal durchsucht und ander- 
weitig belästigt. Viele sprachen die Landessprache nicht, 
und sie wußten, wie es war, wenn man wenig zu essen 
hatte und keinen elektrischen Strom, keine Heizung und 

Die Gruppe Lamanite Generation von der Brigham 
Young University, links und unten, besuchte 1991 
Bulgarien, die Tschechoslowakei, Deutschland und 
Jugoslawien. Wie andere Gruppen der Kirche fanden 
auch diese Künstler viele Freunde. 



STERN 

42 




Im September 1995 führte die Kirche in Petrosawodsk 
ein Schulungsseminar für russische Mikrofilmkamera- 
bediener durch. Während des Seminars wurde diese 
Kirche auf der nahegelegenen Insel Kishi besucht. 
Die Mikroverfilmung hat der Kirche in Osteuropa viele 
Türen geöffnet. 

kein fließendes Wasser. Aber sie gaben denen, die noch 
größere Not litten, großzügig von ihrem Überfluß ab. 

Die Ehepaare waren Lehrer, und wo sie konnten, 
vermittelten sie auch die Grundsätze des Evangeliums. 
Noch häufiger vermittelten sie den unerfahrenen neuen 
Führern und Mitgliedern der Kirche, was es heißt, in 
der Kirche Führungsaufgaben wahrzunehmen. Am wich- 
tigsten war das, was sie durch ihr Beispiel lehrten. Ihr 
Vertrauen in die Zukunft war ansteckend, und ihre Liebe 
zueinander war immer ein Beispiel, dem die Mitglieder 
der Kirche nacheifern konnten. Es wird noch die Zeit 
kommen, da die ganze Frucht ihres Beispiels im Leben 
der osteuropäischen Heiligen der Letzten Tage, die durch 
ihr Engagement dieses Vermächtnis an andere weiter- 
geben, zu sehen ist. 

Manche der besten Botschafter für die Kirche waren 
diejenigen, die die Menschen mit ihren Auftritten begei- 
sterten. Ich kann mich daran erinnern, wie die Gruppe 
Lamanite Generation von der Brigham Young University 
(heute Living Legends genannt) 1991 nach Sofia kam. 
Diese Sänger und Tänzer traten in einem großen 
Kulturzentrum vor rund 5000 Menschen auf - unter 
denen sich auch viele Kinder befanden. Es waren viele 
einflußreiche Menschen dort; der Gesundheitsminister 
saß direkt neben mir. 

Nach den traditionellen Nummern der Gruppe 
eilten die Kinder in einem spontanen Ausdruck der 
Liebe zu den Künstlern auf die Bühne - der 
Gesundheitsminister mitten unter ihnen. Er war aufge- 
sprungen und auf die Bühne geeilt, ehe ich überhaupt 
aufstehen konnte. 



Als die Kinder auf die Künstler zugingen, begann die 
Gruppe Lamanite Generation, das Lied „Ich bin ein Kind 
von Gott" zu singen. Die Bulgaren hatten dieses Lied 
noch nie gehört, aber es hatte eine solche Wirkung, daß 
alle stehenblieben und sich andächtig setzten und die 
Bühne füllten. 

Dieses und andere, ähnliche Erlebnisse haben mich 
davon überzeugt, daß der Geist keine Grenzen kennt. Er 
braucht kein Visum, um die Grenzen zu überschreiten 
und zu den Herzen zu sprechen. Der Herr war am Werk, 
und zwar lange ehe die Kirche wieder Missionare in die 
Länder Osteuropas schicken konnte. 

„MEISTER DES UNWAHRSCHEINLICHEN" 

Die Missionsarbeit wurde in diesen Ländern im 
wesentlichen 1972 wieder eingeführt, als die Kirche die 
Internationale Mission gründete, um den Mitgliedern zu 
dienen, die in Teilen der Welt lebten, wo es keine orga- 
nisierten Pfähle oder Missionen gab. Eine der Aufgaben 
der Mission bestand darin, zu erkunden, ob es möglich 
war, in diesen Gebieten das Evangelium zu verkünden. 
Zu denen, die in dieser Forschungsarbeit in Osteuropa 
treu dienten, gehörten Gustav Salik, Glen Warner und 
seine Frau Renee, Edwin Morrell, Spencer J. Condie 
(jetzt von den Siebzigern) und Johann Wondra, die 
hauptsächlich von Osterreich aus tätig waren. 

Bis Mitte der achtziger Jahre traten Eider Russell M. 
Nelson vom Kollegium der Zwölf Apostel und Eider 
Hans B. Ringger von den Siebzigern häufig mit den 
Regierungen in Osteuropa in Kontakt, und zwar viermal 
im Anschluß an einleitende Bemühungen. Präsident 
Thomas S. Monson begann als Mitglied des Kollegiums 
der Zwölf Apostel in den sechziger Jahren damit. Als 
Ergebnis dieser Kontakte ging die Missionsarbeit in 
mehreren osteuropäischen Ländern rascher voran. 

Im Juli 1987 kam ich in Wien an, um dort über die 
neugeschaffene Österreich-Mission Wien Ost zu präsi- 
dieren. Die Mission begann mit 34 Missionaren - 22 in 
Osteuropa, darunter 8 Ehepaaren und 6 Eiders. 
Angesichts der politischen Veränderungen, die in ganz 
Osteuropa stattfanden, und der Auswirkungen mehrerer 
Besuche von Aposteln schien es möglich, daß viel zu 
erreichen war. Aber als neuer Missionspräsident war ich 



OKTOBER 

43 



19 9 8 



unsicher, wie wir die Missionstätigkeit angehen sollten 
und ob wir es überhaupt tun sollten. 

Als Eider Russell M. Nelson uns kurz nach meiner 
Ankunft besuchte, fragte ich ihn, was die Führer 
der Kirche erwarteten. Sollten wir versuchen, 
Missionsarbeit zu tun, so unwahrscheinlich das damals 
auch schien? 

Eider Nelson legte mir die Hände auf die Schultern und 
sagte: „Der Herr ist der Meister des Unwahrscheinlichen, 
und er erwartet das Unmögliche." 

Da hatte ich das Gefühl, wir könnten einigen 
Fortschritt machen. Als wir diese Anstrengung unter- 
nahmen, stellten wir fest, daß das Evangelium für einen 
Osteuropäer etwas Strahlendes und Wundervolles an sich 
hat. Die Lehre vom Tempel und von den Beziehungen in 
der Familie, die Hoffnung, die das Evangelium schenkt, 
das Aufwärtsstreben, die Vorstellung, daß man über sich 
hinauswachsen kann, die Einsicht, daß das Leben mehr 
ist als nur die zeitlichen Belange - alle diese Aspekte des 
Evangeliums haben große Anziehungskraft. Vor allem die 
jungen Menschen, die nur in einer materialistischen 
Gesellschaft gelebt haben, verstehen wohl intuitiv, daß 
der Materialismus nicht glücklich macht. Sie sehnen sich 
nach geistiger Nahrung. 

An einem kalten Januartag habe ich eine 
Zweigversammlung in einem Kindergarten mit einem 
einzigen Raum in Bulgarien besucht. Die Versammlung 
hatte bereits begonnen, und als wir auf das Haus zukamen, 
fanden wir die Männer draußen vor. Sie standen im Kreis 
im Schnee. Wir fragten: „Was machen Sie hier draußen?" 

Sie sagten: „Die Schwestern müssen mit den 
Kindern drinnen sein. Deshalb halten wir die 
Priestertumsversammlung hier draußen ab." 



Missionare und neue Mitglieder, im Uhrzeigersinn, von 
links: Matild und Lajos Sebesten aus Pecs, Ungarn; 
Missionspräsident Richard Winder und seine Frau 
Barbara in Prag, Tschechoslowakei, 1990, mit zwei 
Missionaren; die erste Gruppe von Vollzeitmissionaren, 
die in die DDR entsandt wurden, kurz nach ihrer 
Ankunft in Ostberlin am 30. März 1989, mit dem 
Präsidenten der Deutschland-Mission Dresden, 
Wolfgang Paul (hintere Reihe, links), dem Präsidenten 
der Deutschland-Mission Leipzig, Manfred Schütze 
(hintere Reihe, rechts) und Schwester und Bruder Schult, 
Gemeinde Ost-Berlin (vordere Reihe, links); Anton 
Skripko (links), der erste Russe, der eine Mission 
erfüllte, und sein Heimlehrpartner besuchen Jurij 
Terebenin (rechts), eins der ersten russischen Mitglieder 
der Kirche. Hintergrund: Eine Taufe in Lettland. 

Die Menschen, die sich in Osteuropa der Kirche 
anschließen, sind geistig einfühlsame Menschen. Sie 
lieben das Evangelium, und sie lieben das Gefühl der 
Gemeinschaft, das die Kirche ihnen schenkt. Sie lieben 
einander. 

Von großer Bedeutung für die wachsenden missionari- 
schen Anstrengungen der Kirche in Osteuropa war die 
Gründung einer Mission in der DDR. Im Oktober 1988 
kamen Präsident Monson, Eider Nelson, Eider Ringger und 
mehrere örtliche Priestertumsführer mit dem Vorsitzenden 
Erich Honecker zusammen, um die Genehmigung dafür zu 
erbitten, daß in der DDR Missionare tätig wurden - ebenso 
dafür, daß Missionare aus der DDR zum Dienst in anderen 
Ländern berufen werden konnten. 

Zu Beginn der Gespräche sagte der Vorsitzende 
Honecker: „Wir wissen, daß die Mitglieder Ihrer Kirche 



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FOTO VON BRIAN K. KELLY 



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gern arbeiten; Sie haben das bewiesen. Wir wissen, daß Sie 
an die Familie glauben; das haben Sie gezeigt. Wir wissen, 
daß Sie gute Bürger sind, in welchem Land Sie auch behei- 
matet sind; wir haben das beobachtet. Sie können sich 
jetzt äußern. Teilen Sie uns Ihre Wünsche mit." 

Präsident Monson sprach einfach und direkt und sehr 
wirkungsvoll. Die Genehmigung wurde erteilt, und am 
30. März 1989 kamen nach 50 Jahren wieder die ersten 
Missionare ins Land und begannen das Evangelium zu 



verkünden. Zwei Monate später wurden die ersten 
Missionare aus der DDR zum Dienst außerhalb ihres 
Landes berufen. 5 

Bis im November 1989 die Berliner Mauer geöffnet 
wurde, hatte die Kirche in Osteuropa bereits eine feste 
Grundlage geschaffen. Vierundfünfzig Missionare waren 
dort und in Griechenland tätig. Bis zu dem Zeitpunkt 
war die Kirche auch in Polen (Mai 1977)'," Jugoslawien 
(Oktober 1985) und in Ungarn (Juni 1988) offiziell 










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ARCHIVES 



FOTO VON MARVIN K. GARDNER 



FOTO VON MARVIN K. GARDNER 



Links: Matthew Cziembronowicz; Präsident Spencer W. 
Kimball und seine Frau Camilla; Marion 
Cziembronowicz und Fryderyk Czerwisnki stehen im 
Sächsischen Garten in Warschau in der Nähe der 
Stelle, wo Präsident Kimball am 24. August 1977 
Polen für die Verkündigung des Evangeliums geweiht 
hat. Matthew und Marion haben von 1977 bis 1979 
als Missionarsehepaar in Polen gedient. Fryderyk hat 
im Mai 1 977 die staatlichen Dokumente unterzeichnet, 
kraft derer die Kirche in Polen offiziell anerkannt 
wurde. Mitte: Schwester Evgenia, ein treues Mitglied 
in Kiew. Rechts: Abschlußfeier für die Seminar- und 
Institutsteilnehmer in der Ukraine, 1 996. 

anerkannt. In Warschau hatte der erste Spatenstich für 
ein Gemeindehaus stattgefunden, und in Budapest war 
ein Gebäude erworben und geweiht worden. 

Im Oktober 1989 wurde die Verantwortung für die sich 
entwickelnde Kirche in Nordrußland und den Baltischen 
Staaten von der Österreich-Mission Wien Ost an die 
Finnland-Mission Helsinki übertragen. Dieser historische 
Schritt lenkte erhöhte Aufmerksamkeit auf Rußland, die 
Ukraine, Bulgarien und Rumänien. Bis zum Ende des 
Jahres dienten in jedem dieser Länder Missionare. 

Andere osteuropäische Länder zogen bald nach. Am 
1. März 1990 erkannte die Tschechoslowakei die Kirche 
an, und am 2. Mai kamen wieder Missionare ins Land, 
die von den Mitgliedern der Kirche, die seit über 40 
Jahren für ihre Rückkehr gebetet hatten, herzlich will- 
kommen geheißen wurden. 

Im Juli 1990 wurden fünf neue Missionen gegründet: 
Polen-Warschau, Tschechoslowakei-Prag, Ungarn- 
Budapest und Griechenland-Athen. Moskau, das zur 
Österrreich-Mission Wien Ost gehört hatte, und 
Leningrad, das von Helsinki aus verwaltet worden war, 



bildeten die fünfte Mission - die Helsinki-Mission Ost. 
Bis zum Juli 1991 waren auch in Bulgarien, der Ukraine 
und Rußland Missionen gegründet worden. 

EINE STRAHLENDE ZUKUNFT 

Der wichtigste Schritt nach vorn für die Kirche in 
Osteuropa während dieser Jahre war die Weihung des 
Tempels in der DDR. 1978 hatte die Regierung der DDR 
beschlossen, den Heiligen der Letzten Tage, die den 
Tempel in der Schweiz besuchen wollten, keine Visa mehr 
auszustellen. Die Kirche versuchte alles mögliche, 
erreichte aber nichts. Die Mitglieder begannen, um gött- 
liche Hilfe zu beten und zu fasten. 

Dann, als Eider Thomas S. Monson vom Kollegium 
der Zwölf Apostel eines Tages mit Regierungsvertretern 
zusammentraf, schlugen sie eine einfache Lösung vor: 
Man konnte doch in der DDR einen Tempel bauen. In 
Freiberg wurde ein Grundstück gekauft, und 1983 wurde 
mit dem Bau begonnen. Der Tempel wurde zwei Jahre 
später, am 29. Juni 1985, geweiht. 6 

Gewiß durchdrang der Einfluß des Tempels die DDR; 
er erweichte die Herzen und half mit, die gewaltigen 
Veränderungen vorzubereiten, die Ende der achtziger 
Jahre überall in Osteuropa stattfanden. Der Einfluß der 
Tempel der Kirche auf alle diese Länder ist tiefgreifend. 

Ich sehe für die Länder Osteuropas eine strahlende 
Zukunft vorher. Fast alle machen sie schwierige 
Augenblicke durch. Aber es gibt auch eine sehr positive 
Bewegung. Inmitten dieser Veränderungen nehmen die 
Kirche und ihre Mitglieder an Bedeutung, Zuversicht 
und Hoffnung zu. 

1996, kurz bevor ich in die Vereinigten Staaten 
zurückkehrte, fuhr ich nach Moskau, um mich von den 
Menschen, mit denen ich dort zusammengearbeitet hatte, 
zu verabschieden. Es war eine Zeit großer Ungewißheit, 



DER 



STERN 
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ABDRUCK DES FOTOS MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON RICHARD UND 
BARBARA WINDER 



ABDRUCK DES FOTOS MIT FREUNDLICHER 
GENEHMIGUNG VON LDS CHURCH ARCHIVES 



ABDRUCK DES FOTOS MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON MORRIS UND 
ANNETTA MOWER 



was die politische Lage in Rußland betraf. Zu denen, mit 
denen ich zusammentraf, gehörte auch eine Schwester, 
die fragte: „Was wird aus unserem Land werden?" 

Ich erklärte ihr, ich könne nicht als Politiker sprechen, 
wohl aber als Generalautorität der Kirche. 

„Was würden Sie uns denn als Generalautorität 
sagen?" erwiderte sie. „Was wird aus uns werden?" 

Ich sagte: „Der Herr beschützt die Länder entspre- 
chend der Glaubenstreue der wenigen und läßt es ihnen 
dementsprechend gut gehen. Der Herr wird nicht 
zulassen, daß die Kirche ins Wanken gerät oder daß das 
Land untergeht, solange die Heiligen der Letzten Tage 
nach ihrer Religion leben." 

Das mag manchen egoistisch vorkommen, aber ich 
glaube, es ist wahr. Wenn die Heiligen der Letzten Tage 
in Rußland, der Ukraine oder anderswo wollen, daß es 




Eine Gruppe tschechoslowakischer Mitglieder, 
links, mit Führern, die zu Besuch gekommen 
waren (in der zweiten Reihe, von links): Schwester 
LeAnn Neuenschwander, Schwester Krejci, 
Schwester Colleen Asay, Eider Carlos E. Asay und 
Jiri Snederfler. Mine: Charone Smith in einem 
albanischen Waisenhaus mit einem Baby auf dem 
Arm. Sie und ihr Mann Thaies und ein anderes 
Missionarsehepaar waren die ersten Missionare 
der Kirche, die nach Albanien kamen. Rechts: 
(von links) Eider Dennis B. Neuenschwander, Eider 
Dallin H. Oaks und Eider Hans B. Ringger mit 
Morris und Annetta Mower, den ersten 
Missionaren in Bulgarien. 

ihrem Land gut geht, besteht die beste Garantie darin, 
daß sie ihrem Glauben treu sind. 

Das wird durch ein Erlebnis veranschaulicht, das 
Eider Thomas S. Monson 1968 in der DDR hatte. 
|£s war sein erster Besuch, und es bestanden noch 
keine diplomatischen Beziehungen. Niemand in 
der Regierung kannte sich mit der Mission der 
irche aus oder vertraute ihrer Redlichkeit. 

Eider Monson reiste nach Görlitz, um mit 

den dortigen Heiligen zusammenzukommen. 

Er kam schweren Herzens, da er wußte, daß 

1991 mietete die Kirche das 
Erdgeschoß in diesem kommunalen 
Kulturzentrum in Sofia an; es war das 
erste Gebäude in Bulgarien, das für 
Versammlungen der Kirche genutzt 
wurde. Von links: Eider Bryon Meyer, 
Schwester Laura Karren und Eider 
Chris Elggren. 



die Mitglieder nicht die Segnungen hatten, die mit 
einem Pfahl verbunden sind - sie hatten keinen 
Patriarchen, keine Gemeinden mit dem vollständigen 
Programm der Kirche und keinen Zugang zum Tempel. 
Aber sie erfüllten die Halle mit ihrem Glauben an den 
Herrn. Als Eider Monson aufstand, um zu der 
Versammlung zu sprechen, gab der Geist ihm ein, die 
folgende Verheißung auszusprechen: „Wenn Sie den 
Geboten Gottes treu bleiben, wird Ihnen jeder Segen 
zuteil werden, den die Mitglieder der Kirche in anderen 
Ländern haben." 

An jenem Abend wurde ihm in seinem Hotelzimmer 
bewußt, was das wirklich bedeutete. Er kniete nieder 
und flehte den Herrn an, die Verheißung, die er ihm 
eingegeben hatte, wahr zu machen. Während er betete, 
kamen ihm diese Worte des Psalmisten in den Sinn: 
„Laßt ab und erkennt, daß ich Gott bin." (Psalm 46: ll.) 7 

Heute, nur 30 Jahre später, ist Deutschland unter einer 
demokratischen Regierung vereint, das Land hat zwei 
Tempel, und die Heiligen sind in 14 Pfählen organisiert. 



Wenn uns die heutigen Ungewißheiten zu schaffen 
machen, können wir sicher sein, daß der Herr die 
Ereignisse letztlich für die rechtschaffenen Heiligen zum 
Guten lenken und daß er die Länder, in denen sie leben, 
segnen wird. D 



FUSSNOTEN 

1. Siehe Kahlile Mehr, „Die Mitglieder in Tschechien: ein 
hellerer Tag", und Marvin K. Gardner, „Jifi und Olga Snederfler: 
zwei tschechische Pioniere", Der Stem, September 1997, 10-24- 

2. Siehe James B. Allen, Jessie L. Embry und Kahlile B. Mehr, 
Hearts Tumed to the Fathers: A History of the Genealogical Society 
ofUtah, 1894-1994 (1995), 255. 

3. Siehe Alvin R. Dyer, The Challenge (1962), 119f. 

4. Siehe Russell M. Nelson, „Spannende Ereignisse auf der 
europäischen Bühne", Der Stem, Mai 1992, 8-23. 

5. Siehe Thomas S. Monson, „Gott sei gedankt", Der Stern, Juli 
1992, 55-57; Thomas S. Monson, Faith Rewarded (1996), 132-35. 

6. Siehe „Gott sei gedankt", 55; Faith Rewarded, 53, 88, 
104-106. 

7. Siehe „Gott sei gedankt", 55f.; Faith Rewarded, 2-7. 




Symbole der Heilung, links: Im Gemeindehaus der 
Kirche in Györ, Ungarn. Unten: Hinter Günter Schulze 
aus Dresden entstehen in der Stadt, die durch 
den Krieg und die jahrelange 

Vernachlässigung fast zerstört war, neue 
Häuser. Anders als die meisten Städte in 
Osteuropa gibt es in Dresden seit 1 855 
kontinuierlich eine Einheit der Kirche. 





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„Durch die 
Zeitschriften der Kirche 
können die Worte der 
lebenden Propheten und 
Apostel regelmäßig zu 
uns nach Hause 
gelangen und uns 
und unsere Familie 
anleiten und inspiri- 
eren. Wir fordern alle 
Mitglieder in der 
ganzen Welt auf 
abonnieren Sie die 
Zeitschriften der Kirche, 
und lesen Sie sie. ■' 
- Die Erste 
Präsidentschaft 
Siehe „Eine Zeitschrift 
für die ganze Welt, " 
Seite 32. 



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